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Bisher hat Reisen fast immer auch eines bedeutet: Man wirft sich an Orte und in Situationen, in denen man Unbekannten begegnet. Und so schnell man mit ihnen in tiefen Gesprächen versinkt, so schnell kann der Sand in der Uhr auch schon wieder durchgerieselt sein und man bewegt sich auf dem Radar wieder in entgegen gesetzte Richtungen.
Diese Reise ist anders.

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Diesmal ist es anders. Diesmal ist das Wetter egal. Diesmal sind Sehenswürdigkeiten egal. Diesmal ist man nicht Reisende. Diesmal ist man Freundin. Man will also einen guten Eindruck machen, den unsichtbaren Parcour erfolgreich meistern. Gleichzeitig fällt man dadurch aber auch in kleine Orte und hört so wunderbare Geschichten und Erinnerungen, dass einem das Herz in der Brust glüht. Man versteht besser. Man sieht Dinge, die man vorher nicht gesehen hat. Man versteht das grosse Ganze und verliebt sich noch mehr. Nach gefühlten drei Stunden in Eatonville will ich dort leben. Die Menschen umarmen einen mit ihrem Humor und ihrer Gastfreundlichkeit. Ich gehöre zu ihr also gehöre ich zu ihnen. Und ich beginne nicht mehr weg zu wollen. Das kennt man nun schon.

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Diesmal ist es nur doppeltes Leiden wenn ich so neben mich schiele. Das wird wohl immer so sein jetzt. Das steht im Kleingedruckten. Des einen Heimweh ist des anderen Fernweh. Im besten Fall. Einer hat immer Heimweh. Im schlimmsten Fall. So ist das wohl, wenn sich zwei von verschiedenen Kontinenten auf einem dritten treffen und sich zusammentun. Zum Glück sind wir Reisende. Dreht man das Heimweh um, wird immer das Fernweh verwegen von der anderen Seite der Münze grinsen. Los ist also immer was. Und das wird es auch in Zukunft sein.

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Diese Reise drehte sich um Erinnerungen, Heimweh und Rückkehr. Die Menschen sind diesmal der Eiffelturm, die Freiheitsstatue, das Taj Mahal. Das Video? – Diesmal so sehr persönliches Einweckglas wie auch Hommage an die Liebe:

Usa2014 from quadratur der reise on Vimeo.

Merry Superbowl

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Der erste Langstreckenflug seit langem. Er hat sich angefühlt als wäre man ein kleines Kind, dass länger wach bleiben darf. Und dann schläft man doch ein statt Krawall und Remmi Demmi zu machen. Insgesamt 40 Stunden auf den Beinen. – Schlaflos, das passt wenn man nach Seattle fliegt. Der Tag durch die Zeitverschiebung gestreckt wie Soße durch eine Mehlschwitze. An Tagen wie diesen will die Sonne nicht untergehen. Besonders wenn man in die richtige Richtung fliegt. So hat sich das angefühlt, als man gereist ist, keine Wohnung hatte, es immer weiter ging, Flugzeuge vertraute Orte waren und einen keine Musik von der Bühne des Reisens runterkomplimentiert und zurück ins dröge Alltagsleben geworfen hat. Schön, das mal wieder zu atmen. Man könnte Weinen über den Wolken. Wein über den Wolken halten wir für die bessere Wahl.

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Und dann läuft alles wie erwartet. Angekommen in Seattle steht man erstmal in der Schlange. Das Mädchen hingegen wird zuhause willkommen geheißen und direkt durchgewunken. Es folgen zwei Jetlagtage voller Weihnachtsnachfeierei und Superbowldelirium. Merry Seahawks. Es war ein Spektakel. Man erinnert sich noch rudimentär an Bergen von Essen und Euphorie. Und wie es der Zufall so will, ging es kurz darauf ausgerechnet nach Denver. Die Stimmung war irgendwas zwischen beklemmend und passiv aggressiv als wir mit unseren Seahakws-Champions-Shirts am Flughafen ankamen.

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Stimmung und Temperaturen in Denver waren also auf dem Tiefpunkt, will heißen -25Grad. Was bleibt, wenn man innerhalb von zehn Minuten in der Kälte ernsthaft um sein Leben fürchten muss: ein bezauberndes Apartment und eine unerschöpfliche Auswahl an unheimlich guten Restaurants in Denver. Lobsterburger, Sweet potato Fries, Rote Beete Shots und das nie aus der Mode kommende Taco Bell. Obendrauf eine Stunde Schlange stehen für Voodoo Donuts. Ich setze auf innere Schönheit und lasse mich gehen. Ein Tag Gym, fünf Tage Essen. Ich nenne es Balance.

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Und mit jeder Reise ploppen Fragen im Kopf auf wie Luftblasen im Whirlpool. Die USA. Nicht jede Erfindung ein Meilenstein. Und doch schielt mein deutsches Herz fasziniert auf die so viel cooleren Spielzeuge, die die Kinder hier haben. Woher kommen eigentlich die Eiswürfel die auf Kommando aus dem Kühlschrank fallen? Warum gibt es in Deutschland keine drive through Geldautomaten? Warum essen deutsche Küchenabflüsse keine Essensreste? Warum ist Spraycheese leider stark? Und warum bekommen wir in Deutschland nicht auch kostenlos Wasser, wenn wir in ein Restaurant gehen? Das beantwortet einem ja keiner. Also wirds einfach vorerst noch vor Ort genossen.

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Unterwegs zuhause

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Es ist ruhig geworden. Der Reisepass gähnt in der Schublade. Die Kamera fängst Staub statt Momente. Und der Kopf pendelt zwischen vergessen geglaubten Geschichten von der Weltreise und groß gedachten Plänen für die Zukunft. Manche werden geteilt und konserviert wie Marmelade in Einweckgläsern. Andere lässt man wie Störche über den Winter in den Süden ziehen bis sie schließlich in einem unerwarteten Moment zurückkehren. Seit der grossen Reise ist man ein Yunkie. Der zusätzliche Herzschlag unmittelbar bevor der Flieger abhebt, die Schweißperlen auf der Stirn, nachdem man stundenlang durch die staubige Stadt geschlichen ist, die warme Luft auf der Haut, wenn man morgens in der Sonne Kaffee trinkt und der Tag so limitiert ist wie ein Blatt Papier ohne Kanten.

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Es wird Zeit mal wieder, wenn auch nur für ein paar Wochen, aus dem Rucksack zu leben, Währung und Zeitzone zu wechseln, die Lederhülle vom Reisepass zu strapazieren. Man kann kaum erwarten, dass einem die Füsse beim Langstreckenflug einschlafen. Nach einer längeren Trockenzeit wird es hier also bald mal wieder Geschichten, Bilder und Videos regnen. In zwei Wochen wird die Zeitzone schon eine andere sein. Herzschlag, Schweiß und ein Blatt ohne Kanten. Endlich wieder unterwegs zuhause.

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Kurztripjauchzen

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Rucksack packen. Yeah. Das Reiseherz bekommt eine Sauerstoffdusche. Endlich ist der Fisch wieder im Wasser. Gut, nur für ein paar Tage. Aber Ausland ist Ausland. Und in Europa ist die Grenze nie wirklich weit.

Schon die Planung hat viel Schönes. Niederlande, Frankreich, Italien? Alles so nah. Die Übernachtungskostensozialisierung durch Bolivien, Thailand und Indien im Hinterkopf versaut einem aber schnell die Laune. Eine Nacht in Amsterdams Hostels ist eine Woche in Puerto Escondido wert. Was tun? Die letzten lauen Spätsommernächte einfach zwischen Coffeeshops und Krachten in Amsterdam unter freiem Himmel verbringen? Eine Ferienwohnung in Paris buchen? Am Ende wird doch noch ein Schnapper an Land gezogen. Premiere: Hausboot. Und es schaukelt nichts. Zwar kann man in den vier Quadratmeter grossen Doppelzimmern weder aufrecht stehen noch ausgestreckt schlafen, aber die muggeliche Dachterrasse, die Aussicht im Badezimmer aufs Wasser und die richtigen Menschen zum Geburtstag um einen rum, entschädigen mächtig.

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Amsterdam. Wir kennen uns. Es wird viel gelaufen, teuer bezahlt (Amsterdam halt), Käse und Gras gerochen, Gesellschaft genossen und Matjes gegessen.

Und es folgt: Ein Land, von dem ich bis dato nicht mehr kannte, als eine Raststättentoilette, in der ich mich als Kind während der 27 Stunden langen Busfahrt mit der Familie nach Spanien mal eingeschlossen habe. Erinnerungstechnisch bleibt also noch Luft nach oben. Also: Bonjour Frankreich. Ca va Paris. Bezaubernd ist bereits die Anreise. Carsharing im Minibus. Der Fahrer ist Profi. Er hat abgenutzte Kissen dabei, mit denen er ungefragt die müde aussehenden Mädchen versorgt. Und wenn er furzt, sprüht er Raumspray quer durch die Sitzreihen. Schön. Man schmunzelt.

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Und in Paris: Endlich wieder Metro in einer wildfremden Stadt fahren, Stadtpläne entschlüsseln, endlich wieder mit Händen, Füssen und Rückständen vom Schulunterricht kommunizieren, Menschen nur so halb verstehen, endlich wieder kollektives Frühstück, endlich wieder Dorm, endlich wieder – nee, wirklich jetzt? – Bedbugs. Schön, da kommt Wehmut und Juckreiz auf. Man sieht den Eiffelturm, fotografiert Notre Dame, bezahlt sieben Euro für einen Cappuccino, schlendert im Regen auf der Champs-Élysées, trinkt Wein an der Seine, man isst Käse und Baguette und Baguette und Baguette. Paris, du ziehst vom Leder. Und sogar die Liebe verliebt sich in dich.

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Und als würde man sich nicht ohnehin schon vom Reisen ganz reich beschenkt fühlen, werden beim Auschecken dank beeindruckender Bedbug-Beweisfotos die vollen Übernachtungskosten zurückgeholt. Paris for free. Europa geht doch auch günstig. Man freut sich, während man gedankenlos an den 17 Bettwanzenbissen kratzt.

Zurück in Deutschland wird die Heimat noch mal kurz zum Urlaub. Kölsche Kaviar, Dom, Brauhaus. Es ist nicht alles schlecht. Der Besuch ist zufrieden und fliegt mit einem Kaleidoskop voller Europa nach Hause.
Schön wars, Rucksack.

Kurztrip-Kurzfilm:

europetrip from quadratur der reise on Vimeo.

Für die Erwähnung der Option Ferienwohnung gabs ein bisschen Geld. Der Rest ist wie immer unabhängiger, persönlicher Senf.

2-Rucksack-Apartment

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Derzeit wird vom Reisen eine Pause eingelegt. Zurück im alten Leben. Rebürokratisierung auf deutschen Behörden. Rekonstruktion des sesshaften Lebens. Reaktivierung des Fernwehs. Resozialisierung. Eine Sache, die einen wohl am meisten Umstellung abverlangt, ist ein Klingelschild mit dem eigenen Namen. Ich kann mich noch immer nicht daran gewöhnen. Briefkasten, Wohnung, Stromvertrag, Internetanschluss. Farewell Freiheit. Wenn jetzt geputzt wird, dauert das den ganzen Tag, Zimmer für Zimmer. So viel, was man gar nicht braucht. Die chaotische Ordnung des einzigen Hab und Gut während der Reise wird mächtig vermisst. Bei nur zwei Rucksäcken wusste ich stets wo ich alles finde. Nun durchsucht man immer eine ganze Wohnung. Nichts macht so frei und unabhängig wie ein gut sortiertes 2-Ruck-Apartment. Hier nun ein paar Tipps für diejenigen Glücklichen, die kurz vor grossen Reise stehen:

Die Eier legende Wollmilchausrüstung – Muss das sein?

Guter Anfang ist schwer. Man plant eine Reise und die Vorfreude treibt einen immer wieder in diverse Backpackertempel. Denn man ist deutsch und will auf alles vorbereitet sein. Und so tigert man überfordert aber mit grossen Augen durch die Outdoorläden. Und die haben ALLES. Zugegeben, man kann hier locker 2000 Euro lassen. Aber braucht man das alles? Werde ich erfrieren wenn ich keine Jacke kaufe, in der mehr Technologie steckt als in einem Flugzeug? Werde ich verdursten, wenn ich keine Uhr mit eingebautem Kompass kaufe? Werden mich meine Füsse auch ohne Multiatmungsaktive Strümpfe um die Welt tragen? – Die Antwort ist: JA. Wessen Budget also begrenzt ist, sollte die Kreditkarte beim Backpackertempelbesuch lieber zur Sicherheit zu Hause lassen. Doch natürlich habe auch ich Schätze in meinem Rucksack gehabt, die recht schnell wegen Überflüssigkeit wieder rausgeflogen sind. Allen Voran: ein Packsafe. Schon der Name animiert zum Kauf. Wer teueres Equipment dabei hat, wie Laptop oder Kamera wird leicht anfällig für solche Produkte. Das Pacsafe ist im Wesentlichen eine mit Drähten durchwobene flexible Tasche, die man mit Schnur und Schloss an Heizungen befestigen könnte. Das gibt Sicherheit, dachte ich. Wenn man mal schnell duscht, erschwert das Pacsafe den Diebstahl. Die Praxis: Ich habe es nicht einmal benutzt. Denn tatsächlich besitzen mittlerweise fast alle Hostels auf der ganzen Welt Schliessfächer.

Doch auch manche Backpackerklassiker habe ich schnell verbannt. Trekking-Hosen stehen wohl auf jeder Liste. Ich habe sie stehts gemieden. Wenn man lange reist, will man nicht immer wie ein Backpacker aussehen. Also: Jeans rein. Auch Geldkatzen habe ich schnell verschenkt. Die Grundidee ist eine Gute, tatsächlich sieht man diese Taschen jedoch wirklich immer unter den Klamotten. Diebe mit Augen haben also leichtes Spiel. Für mich selbst überraschend: meine Regenjacke habe ich seit dem Packen erst nach der Rückkehr wieder gesehen. Denn nichts ist so erfrischend wie ein gepflegter Tropenregen. Und Wasser tut nicht weh.

Die grosse Packliste:

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Reiseschmeichler – Unverzichtbares und Dinge, die den Reisealltag erleichtern

Flugsack – Er hat mir an so manchem Flughafen Aufschlagskosten fürs Gepäck erspart. Denn wenn der Rucksack in der Eile wenig platzsparend gepackt wurde, kann der Flugsack einem noch zusätzlichen Staurraum verschaffen. Auch wenn der Rucksack noch so prall gefüllt in den Flugsack gepackt wird, für ein Paar Trekkingschuhe findet man im Zwischenraum immernoch Platz. Und auch bei langen Busreisen in alten, Tüv-bedenklichen Bussen, hab ich den Flugsack schätzen gelernt. Während der Sack nach der Fahrt in roten Staub getaucht war, blieb der Rucksack sauber.

Unheimlich Platzsparend und leicht ist ein Travel-Towel. Ein klassisches Handtuch nimmt bei einer Weltreise zu viel Platz. Reisehandtücher sind jedoch leicht und erfüllen dennoch ihren Zweck.

Wer einmal in Dorms geschlafen hat, hasst raschelnde Plastiktüten. Vor allem um 6 Uhr morgens. Zimmergenossenfreundlich ist es also, Unterwäsche und Co in Stoffbeutel zu packen.

In das Kapitel Wie-mach-ich-mir-Freunde-im-Schlafsaal gehört auch die Stirnlampe. Wenn man nachts 3Uhr vorm Aufbruch nach Machu Picchu doch noch was im Rucksack vergessen hat, muss man nicht das Zimmerlicht bemühen. Klingt komisch, ist aber echt nützlich, auch bei nächtlichen Busfahrten, bei denen das Licht der Toilette nicht funktioniert.

Nicht alle Zimmergenossen sind so rücksichtsvoll wie man selbst. Um auch im versehentlich gebuchten Partyhostels etwas Schlaf zu finden, sind Ohropax Gold wert. Auch bei Nachtfahrten im Bus hilfreich, wenn der Fahrer eine Schwäche für Trommelfellgefährdend gepegelte Actionfilme oder vietnamesische Schlager hat.

Es kommt vielleicht lange nicht zum Einsatz. Wenn, dann lernt man sein Schlafsackinlet aber lieben. Der perfekte Kompromiss, wenn man keinen Platz für einen ganzen Schlafsack hat. Das Inlet wärmt bei abenteuerlichen Fahrten in indischen Nachtzügen und beruhigt das deutsche Hygieneempfinden in abgeranzten Hostels.

Ob Duschbad, Shampoo oder Co, Zipbeutel vereiteln hervorragend ein Schaumschlagen im gesamten Rucksack.

Eine Annehmlichkeit, die nicht lebensnotwenig aber doch ganz nett ist. Eine Wäscheleine quer durch den Dormbalkon gespannt macht Freunde. Wenn der Reinigungsservice leider nur bedeutet, dass die eigene Wäsche neben der privaten M im örtlichen Fluss getaucht wird und die Wäsche danach noch mehr riecht, ist eine Wäscheleine Trumpf.

Ein absolutes Muss ist ein eigenes Schloss für den Safe. Fast jedes Hostel hat einen. Um sicher zu sein, sollte man sein eigenes Schloss dabeihaben.

Keine Reise ohne Geld. Der beste Reisebegleiter ist die Kreditkarte. Im besten Fall kann man weltweit kostenlos Geld abheben. Damit haben Travellerchecks entgültig ausgesorgt. Sinnvoll ist es auch für Notfälle eine zweite Kreditkarte dabei zu haben.

Ich selbst wurde zum Glück von Überfällen verschont. Wer weiss das er sich aus Mangel an Alternativen auf berüchtigte Busrouten begeben muss, bei denen es oft zu Überfällen kommt oder wer oft nachts unterwegs ist, kann sich eine Fake-Geldbörse zulegen. Mit abgelaufenen Kreditkarten, etwas Geld in Landeswährung und vielleicht sogar einem Familienfoto bestückt, macht sich der Dieb aus dem Staub ohne wirklichen Schaden anzurichten.

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Falttechnik oder Reinstopfen?

Wenn man alles zusammen hat, kommt die Königsdisziplin. Das Packen. Man muss daraus keine Wissenschaft machen. Dennoch gilt: Wenn man schon von der Zweiraumwohnung auf die Zweirucksackwohnung umsteigt, sollte man eine grobe Logik beim Packen verfolgen. Denn nichts ist so nervig, wie ewig nach dem gesuchten zu kramen. Tipp 1: Den Rucksack nicht so voll packen, als begibt man sich auf einen anderen Planeten. Fast alles lässt sich beim Reisen nachkaufen. Eine Familienpackungen Kontaktlinsenflüssigkeit und Ersatzflipflops sind einfach nicht nötig. Vieles ist in den Reiseländern sogar günstiger. Ausserdem ist das weltweite Netz an günstigen Wäschereien so engmaschig wie das hiesige Apotheken-und-Bäckereifilialen-Überangebot. Hinzu kommt, dass das mancherorts sogar in 2 Stunden erstklassig angeboten wird. Also: Waschen statt den gesamten Kleiderschrank mitnehmen. Tipp 2 : Wenn man dann das ausgewählte Gepäck verstauen will, gilt: Stopfen bedeutet man macht es doppelt. Für mich hat sich die Rolltechnik bewährt. Einfach alle Klamotten zu Würsten rollen und dann nach und nach in den Rucksack stapeln. So spart man wohl den meisten Platz. Tipp 3: Nein, er wird nicht überbewertet: Der Fronteingriff am Rucksack. Er hat mir Nerven und Lebenszeit gerettet. Auch wenn man noch so gut rollt und stapelt, am Ende braucht man ja doch immer das, was sich grad ganz unten im Rucksack befindet. Der Frontaleingriff funktioniert den Rucksack spontan zum Koffer um und spart Zeit beim Suchen und Finden. Tipp4: Es ist wie beim Frühjahrsputz zu Hause in der Heimat. – Immer mal wieder ausmisten, hilft. Papierkram, Tickets, Müll- raus damit. Wenn man hochwertige Fotos schiesst, sollte man die immer mal wieder auf USB-Sticks sichern und vielleicht netten Deutschen mit nach Hause geben. Nichts ist so ärgerlich wie der Verlust von Fotos der drei zuletzt bereisten Länder.

 Dieser Blogeintrag wurde auf Nachfrage von deals.com und weg.de erstellt.

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SCHÖN WARS!, tät es eigentlich auch. – Nein, tut es NICHT.
Da ist es also. Das Kleingedruckte. Die Fussnote. Der Haken, von dem keiner so recht reden mag. Und man vermag es erst zu lesen wenn man das ganze kollosal phantastische „Davor“ hinter sich hat. Vorher hat man den Stein im Schuh immer wieder mit den Zehen in eine Ecke gepuhlt, in der er nicht beim Laufen stört.
Der Kopf schwankt wie eine Abrissbirne zwischen gleichgültiger Euphorie, selbstsicherer Unsicherheit und katastrophalem inneren Frieden. Ein Ding der unerträglichen Möglichkeit. Was am Ende bleibt ist nichts von alledem. Und man steht mit Stein im Schuh vor, ja, vor was? – Vor einem Busunternehmen bei dem man Tage zuvor ein Ticket nach Delhi für ein paar ausgeblichene Rupie gekauft hat. Und wenn auf nichts Verlass ist, dann doch zumindest auf indische Unzuverlässigkeit. Die Berechenbarkeit des Unberechenbaren. Das wird einem fehlen.

Statt einem Bus werden nun also alle in einen PKW mit Klimaanlage getetrist. Wobei die Besonderheit indischer Klimaanlagen darin besteht, dass sie nur in den Köpfen der Busunternehmer existieren. Schön. Warm hier. Eng hier. Ich wiege meinen Kopf in der Schönheit des Moments. Im Kopf bin ich schon lange woanders. Manche sagen dazu nirgendo. Ich nenne es überall. Wie die Fäden des aufdröselnden Sicherheitsgurts wedeln meine Gedanken zum geöffneten Fenster raus und husten vor lauter Staub. Draussen brennt die Sonne. Das kann man in ein paar Tagen schon nicht mehr behaupten. Nach drei Stunden erreichen wir Delhi. Und das war erst der Anfang. Denn nun das Hotel zu finden, ist die eigentliche Aufgabe. Der Fahrer wiegt den Kopf, wir schütteln ihn wild – Alles wie immer. Dreieinhalb weitere Stunden später fallen wir ins Flughafenhotelbett.

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Der nächste Morgen, man sitzt mit Vorfreude und Ich-will-noch-nicht-ins-Bett-Kleinkind-Quängelei im Auto. Ohne das Mädchen nebenan würde man durchdrehen. Es geht zum Flughafen. Vor uns liegt der Flug, den ich in der Vergangenheit liebend gern im Sand am Strand verbuddelt oder unter den Hostelteppich gekehrt habe. Man macht sich gut im Verdrängen. Also konzentriert man all seine Aufmerksamkeit auf die Recherche über Airlines, die Alkohol im Flieger kostenlos servieren. Volltreffer. Das macht es leicht. Wir sitzen im Flieger. Ende. Ende. Ende. Die letzten Schritte auf indischem Boden, ein letztes Mal Kopfwiegen, ein letztes Mal den Reisepass stempeln lassen. Gefühlt verlässt man die Welt, durch die man nun mehr als ein Jahr gereist ist. Denn: Es geht nach Hause.

Der Trauerkloss im Hals lässt sich erst einmal vorzüglich im Flugzeugrotwein einlegen. Davon gibt es genug. Der Steward weiss Bescheid und bringt nach kurzer Zeit schon ungefragt immer wieder Nachschub. Das Mädchen fragt wie Deutschland so ist. Mir fällt dazu mehr Durchwachsenes ein. Ich bin nicht gut im Lügen, ich bin gut im den Dingen nachhängen, im Herz an eine gute Sache verlieren, im Freisein, gerade bin ich gut im Traurigsein. Der Wein wirkt dabei wie Mentos in Cola. Und er dreht die Dinge alle paar Minuten. Ich beginne mich zu freuen, auf Familie und Freunde auf deutsches Essen, auf saubere Luft, auf Toiletten, die Klopapier spühlen können, auf ein Bett ohne Bettwanzen. Und dann ist man wieder traurig. Das geht dann so bis man also landet. Da ist man also wieder. Und der Kopf, der ist noch sonst wo. Im Flughafenklo erwischt man sich dabei wie man Klopapier mitnehmen will, weil das in so vielen Ländern zuvor sehr sinnvoll war. Keine Kühe auf den Strassen, Familie in den Armen. Das Ding braucht Zeit, verdaut zu werden. Die Rückkehr vom Reisen liegt schwer wie Kartoffelpuffer im Magen.

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Inzwischen ist einiges an Zeit vergangen. Man hat Familie und Freunde in Farbe und Bewegtbild zum Anfassen gesehen, man war froh wieder da zu sein, man war traurig, man hat all die lästigen Bürokratieketten wieder angelegt. Zu Beginn ist man sogar wie ein Backpacker durch Deutschland gereist. Und ja, dieses Land ist ein gutes. Aber ja, dieses Land ist nicht alles. Man ist zurück. Aber regelmässig schütteln einen Flashbacks, man sieht den Beatle in Südafrika, macht Asado auf der Hosteldachterasse in Argentinien, man erinnert sich an ein Kind in der Favela, einen Geruch in Peru, eine Party in Mexico, einen Pool in den USA, eine Familie auf den Cooks, eine Wiese in Sydney, eine Melodie auf Bali, ein Gefühl in Thailand, ein Geschmack in Singapur, Zähneputzen im Freien in Vietnam, einen Nachtmarkt in Kambodscha, eine Nacht am Flughafen, Bordsteine in Indien. Postreisedepression. – Die Schönste, die es gibt. Und nur das Mädchen kanns komplett verstehen. Das Mädchen ist kein Mitbringsel. Das Mädchen ist Liebe.
Der Kopf aber platzt manchmal beinah vor Erinnerungen. Und man will sie hüten wie das Wertvollste, was einem je über den Weg gelaufen ist. Und deshalb driftet man täglich ab, in eine Welt, die nicht abhanden kommen soll. Man wird das Haus vom Schicksal mit faulen Eiern bewerfen, wenn einem dieses je mit Demenz heimsuchen sollte. Da gibt es nun so viel mehr zu vergessen als vorher. Das wäre uneingeschränkt beschissen.
Dieses Leben ist ein Gutes. Die Dinge bleiben aufregend. Und in 374 Tagen Reisen, habe ich Dinge erlebt, Menschen getroffen und Sachen verstanden, die ich um nichts in der Welt missen möchte. Und der Kopf ist voller als sieben Bildbände und drölfhundert Bücher. Ich bin reicher zurückgekommen als ich es je war, auch wenn das die Bank anders sieht. Es hat sich gelohnt. Und es wird sich wieder lohnen. Denn ohne geht es nun wirklich nicht mehr. Eine Frage von Zeit. Bis dahin wird Deutschland zum Abenteuer. Eine Station. Ein Kapitel, ein unvergessliches.
Gibt es ein Risiko? – Ja. Man kommt als anderer Mensch zurück. Und keiner, der so etwas nie gemacht hat, kann bis zum kleinsten gemeinsamen Nenner runtergerechnet nur ansatzweise verstehen, was so eine Reise mit einem macht. Man ist verändert. Und die Welt hier auch. Es kann einen den Job, die Liebe, Freunde und das Verständnis für deutschen Bürokratiefetischismus kosten.
Zerreisst einem die Rückkehr das Herz? – Oh, ja. Man fühlt sich verloren ohne diese Freiheit. Man vermisst die Unverbindlichkeit des Langzeitreisenden. Man liebt Familie und Freunde. Und es dauert seine Zeit, bis man versteht, dass die Stärke langanhaltend zu Reisen keine Schwäche im Familienmenschsein ist. Man ist so. Oder nicht. Ich bin so.

Und am Ende einer solchen Reise steht im Grunde nur eine Aufforderung fett mit Edding an die eigene Hirnrinde geschrieben, die Mutti schon früher immer durchs Kinderzimmer hat hallen lassen: Geh raus zum Spielen.
Also: Geht raus, wenn ihr die Welt sehen, atmen, hören wollt.
Rausgehen! Spielen! Jetzt!
Diese Welt ist eine Gute!
Ein nicht in Worte zu fassendes Danke an alle, die auf der Reise und hier im Blog mit mir gespielt haben!

Best of Worldtrip:

bestofroundtheworld (Enhanced) (Enhanced) from quadratur der reise on Vimeo.

India – the video

Alles, was man über Indien bisher nicht in Worte fassen konnte, weil dieses Land aus so verschiedenen Maschen, mal Kulturschock, mal raue Schönheit, zusammengestrickt ist, kann vielleicht dieses Video konservieren. Indien, du warst Herausforderung und Spiegel, ein Holzsplitter im Finger und Besinnung auf das wirklich Wichtige. Ein grenzenloses Dankeschön für auf Ewigkeit im Kopf blühende Erinnerungen geht an den geduldigen Naveen und an die wunderbare, grossartige, bezaubernde Katie.

english
Here is everything about India that I couldn’t put into words till now. This country is knitted together with cultural shocks and rough beauty that can perhaps be explained with this video. India, you were a challenge and a mirror, a wood splinter in the finger and a reflection on what is really important. Boundless gratitude for all the blooming memories in my head to the patient Naveen and the wonderful, magnificant and charming Katie.

India from quadratur der reise on Vimeo.

Vom Geist Auskugeln und Körper Einrenken

Die Fahrt nach Rishikesh verläuft gewohnt indisch. Man steht schwerbepackt am Busbahnhof in Agra und versucht den Ticketverkäufern mit Händen und Füssen das Reiseziel zu vermitteln. Wir sagen Rishikesh, um uns versammeln sich 15 neugierige Inder, ziehen sich Betelnusskauend zur Beratung zurück und schmettern uns auf indisch einen anderen Ort an den Kopf. Das geht so hin und her bis sie schliesslich kopfwiegend versichern, dass sie uns das richtige Busticket verkaufen würden. Man bleibt ratlos zurück, hofft auf gutes Karma und steigt in einen heruntergekommenen Bus. Nachts drei Uhr steht man dann irgendwo in einer staubigen Stadt am Strassenrand und glaubt an die Hilfsbereitschaft weiterer Inder die einem versichern: an dieser verlassenen Strasse kommt während der nächsten Stunde ein Bus nach Rishikesh vorbei. Man steht also vor Kälte zitternd und erneut totmüde nachts zwischen Rikschafahrern, vor einem staut sich von hupenden Autos aufgewirbelter Dreck auf, der einem ernsthafte Sorgen um die eigene Lunge bereitet und hinter einem schleichen Ratten in Pudelgrösse umher. – Incredible India eben.

Als dann am Tag die Sonne Rishikesh wachküsst, hat man sich einigermassen von der Anreise erholt. Der Ganges ist hier, am Fusse des Himalaya, so klar, dass man erstmal nicht glauben mag, dass das hier noch immer Indien ist. Rishikesh, nach dem herzerwärmend Hippielastigen Goa und dem Weltwundertourismus in Agra ist das hier der dritte Ort in Indien, in dem wir nicht die einzigen Touristen sind. Das hat Vorteile. Ein Grossteil der Inder hier spricht Englisch, das Essen ist für westliche Mimosenmägen verträglich und wir werden nicht wie an all den anderen Orten plump kopfwiegend angestarrt. Der Hauptgrund, warum es Touristen aber nach Rishikesh verschlägt, ist Yoga. Der Ort gilt als dessen Geburtsstätte. Und so reiht sich hier ein Ashram an das nächste, die Geschäfte quellen über vor Yogamatten und die Touristen tragen weisse Leinenklamotten. Kein Mensch, der sich hier nicht auf die Matte legt. Ich mache Yoga, also bin ich.

Wir, frisch angekommen, haben grosse Pläne hier. Eine Nacht wird noch im Luxushotel verbracht, mit Blick auf den türkisfarbenenen Ganges, mit heissem Wasser und gefühlten drölfhundert Kissen pro Person im Bett. Dann geht es ins Ashram. Und es ist nicht so, dass man es sich schon vor der Reise vorgenommen hatte. Dennoch: der Tag, an dem man für 12 Tage in das Yoga- und Meditationszentrum geht, fühlt sich falsch, traurig, ja auch wie ein Fehler an. Der Mindestaufenthalt von 12 Tagen mit Vorabzahlung gibt der Geschichte einen Gefängnisbeigeschmack. Und natürlich übertreibt das innere Emotionsmonster wieder maßlos. Die Rikschafahrt zum Ashram wirkt wie ein kleiner Abschied vom Leben in Freiheit. So ist das also: Die erste Lektion in Sachen Ashram lernt man schon bevor man es betritt. Und man lernt sich selbst kennen, in einer Weise, wie man sich vorher nie im Spiegel gesehen hat. Ich will den Schokoriegel Freiheit im Regal.

Die ersten Stunden im Ashram verlaufen nervenaufreibend. Man ist bemüht, alles ganz schrecklich zu finden. Die Gedanken sind irgendwie ausgekugelt. Und auch wenn die Anlage so friedlich lärmfrei und grün ist, man fühlt sich wie im Alcatraz und auf Robben Island zusammen. Und ein Blick auf die Ashramregeln machen es einem einfach, erstmal alles reziprok famos zu finden:
5:00AM: morning bell
5:30AM: morning meditation
6:45AM: morning yoga
8:00AM: breakfast
9:00AM: library
12:00: lunch
2:00PM: library
3:15PM: lecture lesson
4:00PM: teatime
4:45PM: yoga
6:15PM: meditation
7:45PM: dinner

Wer mehr als einmal bei Yoga oder Meditation fehlt, wird freundlich aus dem Ashram geschmissen. Hinzu kommt ein generelles Verbot von Alkohol, Zigaretten, Zwiebeln, Knoblauch, Ei und elektronischen Geräten. Das kann man gut finden, das kann man aber auch nur so mittel finden. Man entscheidt sich, zu versuchen, es gut zu finden. Die ersten Tage verlaufen himmelhochbetrübt oder zutodejauchzend. Da man alles, was man anfängt, gut machen will, steht man als Erste Morgens vor der Meditationshalle. Es hilft, die Meditationsstunde als Schlafen im Sitzen zu betrachten. Denn an Nichts zu denken war noch nie mein Ding. Andere tun das ohnehin und ratzen schon nach fünf Minuten lautstark in der Halle vor sich hin. Yoga wird schnell zum Lotto. Ein Yogalehrer malt ein Grinsen in die Gesichter der Teilnehmer, weil er die Kunst der Motivation beherrscht, ein anderer bringt einem zum Verzweifeln, weil er die Kunst des Entmutigens professionalisiert hat und der Dritte Yogalehrer wirkt wie ein Hausmeister, der mal eine Yoga-DVD in die Hände bekommen hat und seitdem glaubt, er wäre ausgebildeter Yogalehrer. Für alle Yogastunden gilt aber eine Regel. Und auch wenn es ein Novum ist, muss das hier mal investigativ angesprochen werden: So sehr wie beim Meditieren geschnarcht wird, so sehr wird beim Yoga gefurzt. Das verstört mich zunächst, denn ich sitze ungern direkt dahinter. Irgendwie scheint es aber nur mich zu stören. Nun ja, Indien halt. Nach den Indern auf den Bahngleisen, sollte man das wohl tiefenentspannt sehen.

Nach ein paar Tagen beziehen gefühlte 3000 Chinesen das Ashram. Frustrierend wird es dann in der Yogastunde, wenn sie plötzlich kolletiv entwaffnend die Beine hinter die Köpfe heben. Schön. Man fühlt sich wie ein Regenwurm zwischen Kobras. Auch die spätere Information, dass es sich bei den Chinesen geschlossen um Yogalehrer handelt, tröstet nur ein bisschen.

Mit der Zeit hat man sich einen angenehmen Alltag im Ashram zurechtgelötet. Im Wesentlichen wird jede Yoga-und Meditationsstunde besucht, im Gegenzug aber während der Bibliothekszeiten geschlafen. Dadurch wird der Tagesabschnitt Frühstück-Schlafen-Mittagessen-Schlafen zum liebgewonnenen Highlight. Am Ende lernt man also, alles doch noch ganz knorke zu finden, denn nach ein paar Tagen wirkt der eigene Körper irgendwie eingerenkt. Der Kopf ist frei, die Beine sind leichter, der Schlaf ist tief und man beherrscht beeindruckende KopfansausgestreckteKnie-Skills. Das Essen ist gut und reichlich, der Chai aus 1001 Nacht und alles fühlt sich plötzlich sehr richtig an. Die Tage sind anstrengend, dennoch wird keine Yogastunde geschwänzt. Und sogar zum sonntäglichen, freiwilligen, so genannten „Karma-Yoga“ sieben Uhr morgens wird erschienen. Dahinter verbirgt sich nicht weniger als das Putzen der Meditations- und Yogahalle. Wenn man den einzigen Tag in der Woche eigentlich länger schlafen kann, sind Karmapunkte wohl das Mindeste an Belohnung für morgentliches Putzen.

Und noch nie wurde so viel nachgedacht, gegrübelt und abgewogen. Diese zwölf Tage im Ashram waren besondere dieser Weltreise. Und während man am Anfang gedacht hat, der Schokoriegel Freiheit rückt in weite Entfernung sobald man das Ashram betritt, hat man ihn genau dort am Ende in limitierter XXL-Version finden dürfen. Freiheit beginnt im Kopf. Und kein kleiner Raum, kein noch so kleinkarierter, durchreglementierter Ort, kann mich einsperren. Diese Reise im Kopf ist eine ohne Ende, ohne Ankommen. Diese Reise ist ein Streben, kein Erreichen und darauf Ausruhen.

Zwischen Schock und Schönheit

Da sitzen sie aneinandergereiht wie Vögel auf der Leitung. Und es werden mehr und mehr. Hunderte Inder hocken auf den Bahngleisen, manche in Gruppen, manche mit Zigarette im Mundwinkel und verrichten wie selbstverständlich ihr grosses Geschäft. Es ist sieben Uhr morgens und der Nachtzug rollt langsam im Bahnhof von Agra ein. Nun, ganz so hat man sich die Ankunft in der Stadt, die mit dem Taj Mahal auftrumpfen kann, nicht vorgestellt. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der die Inder kollektiv am frühen Morgen auf den Gleisen hockend kacken, erdet den Ort doch irgendwie ganz unerwartet: Taj Mahal hin oder her – Agra ist auch nur ein Ort, in dem mit Wasser gekocht wird. Und wieder hat mich Indien kalt erwischt. Man staunt aus Schock, nicht wegen Schönheit. Immer wenn man das eine erwartet, knallt einem Indien das andere vor den Latz.

Die Sonne zieht gerade wieder einmal vom Leder und taucht die Hausfassaden in kitschig schönes Orange. Die Nacht zuvor wurde im Zug mit geöffnetem Fenster und daher auch mit geöffneten Augen verbracht. Der Fensterriegel hat geklemmt und man selbst gezittert. Wenn man es nicht den hier onminpräsenten russischen Touristen gleich getan und sich die beissende Kälte ab und zu mit einem Schluck Hochprozentigem vom Leib gehalten hätte, würde man wahrscheinlich weinen statt schmunzeln. Agra also, Taj Mahal. Dass man hier nach einem Jahr tatsächlich ankommt, macht einen bereits sentimental genug um dem Rikschafahrer ein unangemessen hohes Trinkgeld zu geben. Der widerum nimmt das natürlich zufrieden kopfwiegend an.

Mit der ersten Luft Agras in den Lungen, scannen die Augen jede Häuserschlucht und jeden Dachterassenhorizont nach dem Kunstwerk ab, für das der simple Begriff Gebäude eine Beleidigung ist. Der Taj Mahal ist die Miss Universum im weltweiten Schönheitswettbewerb der Bauwerke. Nach dem Einchecken erlöst einen dann die hoteleigene Dachterasse von der Sucherei. Man hebt den Blick von den mit Rikschas vollgestopften Strassen, vorbei an den maroden Dächern Agras, auf denen Kinder spielen und Frauen nasse Wäsche zum Trocknen aufhängen und dann ragt da dieses Bauwerk am Ende der Häuserreihe wie ein alter Baum empor – der Taj Mahal. Und irgendwie arbeiten Indien und die dortige negativrekordverdächtige Luftverschmutzung für die 1001-Nacht-Gefühlsduseligkeit. Denn in so ein Gemisch aus Smog und Nebel gehüllt, wirkt der Taj wie aus einer goldenen Flasche aufgestiegen an der man gerieben hat. Für heute ist man schon zufrieden mit dem Tag, der Welt – ein Auge auf den Taj geworfen, eine heisse Dusche, Käse-Omelett mit Chai und ein sauberes Bett nach einer schlaflosen Nacht im Zug.

Am nächsten Morgen ist man ein kleines Kind, dass an Weihnachten nachmittags aufgeregt durchs Schlüsselloch lunzt und nervös im Kinderzimmer hin und her rennt. Der Taj Mahal. – Man weiss ja inzwischen wie so eine Reise zu weltberümten Sehenswürdigkeiten enden kann. Manchmal sind weltbekannte Tempelanlagen nur noch alte Steine und Traumstrände entpuppen sich als Mülldeponien. Beim Taj Mahal war man aber nie dazu bereit, zur Schadensbegrenzung die eigene Erwartungshaltung vorsorglich tief zu stapeln. Und man hat richtig daran getan.

Denn selbst die Horden herumwuselnder Kamerabehangener Touristen tun der Märchen-Credibility des Taj Mahal keinen Abbruch. Und so läuft man mit offenem Mund um dieses in den Himmel gemalte Wunder und kann nicht aufhören, es anzustarren. Wenn man den Taj Mahal einmal im Leben gesehen hat, fängt man wohl jedes Mal wenn man davon erzählt unweigerlich an, ein bisschen Pippi in den Augen zu haben. Man hat Indien nicht wirklich gesehen, wenn man nur den Taj Mahal gesehen. Man hat es aber auch nicht wirklich gesehen, wenn man ohne eine dieses Erlebnis wieder abreist.

Neugier frisst Vernunft

Die Maha Kumbh Mela.- Das ist kein indisches Dessert, kein indischer Tanz und kene Kosename für die heiligen Kühe. Die Maha Kumbh Mela ist der Jumbo-Popkorneimer unter den religiösen Festen auf diesem Planeten. Jedes noch so grosse Musikfestival wirkt mit seinen Dixieklos und Zweimannzelten dagegen wie ein Wohnzimmerkonzertchen. Nur alle zwölf Jahre findet dieser religiöse Massenmagnet statt. An manchen Tagen pilgern dann bis zu 30 Millionen Hindus in die nordindische Stadt Allahabad. Was man sich dabei gedacht hat, dort hinzufahren? Die Antwort liegt nahe: absolut nichts.

Das Abenteuer beginnt bei der Anreise. Mit seinem Gepäck in den Zug zu kommen, grenzt an einen Lottogewinn. Die Menschen schieben und drücken, treten und quetschen so kompromisslos, dass man durchaus sein Leben in kurzen Sequenzen vor seinem inneren Auge vorbeiziehen sieht. Dieses leise theatralische Gleiten in die Bewusstlosigkeit wird aber immer wieder von der Angst und Panik gefressen, dass das hier ernsthaft gefährlich werden könnte. Ja, man kennt die Berichte aus vergangenen Jahren. Aber man ist auch neugierig und diese Neugier treibt einen manchmal an Orte, die man lieber auf der sicheren Seite der Flimmerkiste beobachten sollte.

Nach einigen Minuten ist es dann doch geschafft, man sitzt im Zug nach Allahabad. Nun, man kann es nicht sitzen nennen. Vielmehr verharrt man stundenlang in einer Position, in der man wahrscheinlich in Handgepäcktrolleys passen würde. Denn jedes Zugabteil ist an diesem Tag eine Sardinendose für Menschen. Wir sitzen vielmehr aufeinander als nebeneinander. Hier tauscht man nicht flüchtige Blicke, hier tauscht man Lebensgeschichten, mitgebrachtes Essen, Körpergerüche und leider auch Krankheiten. Die Sache muss Hand und Fuss haben, denn Englisch sprechen nur wenige Inder in diesem Abteil. Auf bis zu drei Ebenen quetschen sich Menschen auf die Sitze. Hornhäutige Füsse, bunte Saris, Reispudding in Schalen, Uringeruch in der Luft. Und dann passiert, was passieren muss: Der Zug hält mitten im Nirgendwo. Und das bleibt erstmal so. Für Minuten, die leider nicht nur gefühlt zu Stunden werden. Viele Inder schwingen ihr Gepäck auf den Kopf und machen sich zu Fuss auf den Weg nach Allahabad. Alle Touristen, meint genau uns zwei, und schwerer bepackte Inder bleiben im Zug und warten, warten, warten. Manche schlafen im Stehen, andere vertreiben sich die Zeit indem sie das Ende von kleinen Stöcken zerfransen und sich damit die Zähne putzen.

In Allahabad angekommen, wird der eigene Horizont, was die Vorstellungskraft beim Wort Menschenmassen anbelangt ins Unendliche gebogen. Menschen quetschen sich mit Kindern und Koffern vom Bahnsteig auf die schmale Treppe, die zum Ausgang führt. Heute kann sie aber auch zu Schlägen oder Quetschungen führen. Denn am Ausgang versuchen die Polizisten ihre Überforderung und die Menschenmenge mit Holzstöcken unter Kontrolle zu bekommen. Gut, dass man erst im Nachhinein erfahren hat, dass an einem Bahnausgang wie diesem, am selben Tag mehrere Menschen in Allahabad gestorben sind. Jetzt und hier gibt es kein Zurück, nur die Chance auf ein unbeschadetes Vor. Wir sind Touristen und sehen wie welche aus. Das hilft dabei, am Ende der Treppe nur mit neugierigen Blicken statt mit Stöcken begrüsst zu werden. Man steigt über Berge von zur Seite gekehrten, verloren gegangenen Schuhen und bleibt an der ersten Ecke stehen, in der nicht gefühlte 500 fremde Arme die eigenen berühren. Atmen. – Und man denkt: Schön, dass man das noch kann.
Das nächste, was einem der Körper befielt, ist der direkte Weg über Los zum Hotel. Eine Rikscha trägt uns weg vom chaotischen Menschenmikado. Der Lärm wird dumpf, die Ohren suhlen sich in der plötzlichen Stille wie Säue im Schlamm.

Der Abend verbeisst sich in Fragen wie ein Dackel in Waden: Was zum Teufel treibt man hier? Und kann es sein, dass man hier gerade sein Leben irrtümlich riskiert hat? Die Antwort darauf, was all die anderen hier treiben und vor allem warum, ist einfach. Bei der Anreise nehmen sie den Tod im Diesseits in Kauf. Ihre Absichten sich langfristiger angelegt. Denn für sie bietet dieses Wallfahrtsfest die Chance auf Unsterblichkeit.
Aber man selbst? Man wollte eigentlich „nur mal gucken“, weil die Chancen, so etwas einmal im Leben zu sehen irgendwo zwischen unwahrscheinlich und utopisch liegen. Und das Reisen ernährt sich doch von sowas. Man ist hungrig. Immernoch. Die sichere Höhle Hotelzimmer macht einen über Nacht wieder neugierig.

Am Morgen poltert uns die Fahrrad-Rikscha in Richtung Kumbh Mela. Allahabad platzt aus allen Nähten. Wenn man genau hinhört kann man diese Nähte sogar platzen hören. Obst- und Gemüsehändler pressen sich vorbei an den zahllosen Rikschas, die sich pausenlos hupend ihren Weg durch die holprigen Strassen bahnen. Am Busbahnhof stapeln sich die Reisebusse. Und noch immer erreichen weitere Busse im Minutentakt den Wallfahrtsort für alle Hindus in Indien. Und jedesmal steigen weit mehr Menschen aus den Bussen, als dieser Sitzplätze besitzt. Die Sonne beginnt die bröckelnden Hausfassaden in glühendes Orange hüllen und die mit Staub und Dreck geschwängerte Luft langsam zu erwärmen. Wenn man sich hier die Nase putzt, ist das Taschentuch schwarz. An die Farbe der Lunge mag man nicht denken.

Die Strasse zur Kumbh wird zum Spiegel Indiens. Tausende Menschen bahnen sich ihren Weg Richtung Unsterblichkeit. Jene, die es sich leisten können, hüllen ihre Körper in traditionelle religiöse Kleidung, die Frauen tragen ihre buntesten Saris. Männer reiten auf dürren Eseln und Pferden Richtung Unsterblichkeit. Andere balancieren auf ihren Köpfen Gepäck. Blinde werden von Fremden helfend an die Hand genommen, Alte, deren Rücken von einem harten Leben voller Entbehrungen gezeichnet und gekrümmt ist, schleppen sich mit letzten Kräften zum Wasser und Menschen ohne Beine kriechen in der Menschenmenge langsam aber unbeirrbar voran. Ab und zu teilt ein Auto die Masse in zwei Hälften. Unmittelbar danach schliesst sich die Lücke wieder und die Menschenmenge wird wieder zur Einheit.

Während wir das alles sehen, meinen wir zu verstehen, aber natürlich haben wir nicht die leiseste Ahnung. Die meisten Menschen hier haben nichts, ausser ihren Glauben und in diesem Moment gehören sie damit zu den Reichsten hier. An den heiligen Flüssen angekommen, beginnt die Masse mit dem Bad in genau dem Wasser, das man selbst nur aus Berichten über Abwässer und Seebestattungen kennt. Heilig soll es sein, das Wasser. Die Menschen baden darin, Kinder spielen darin, Männer trinken davon, Frauen füllen sich die vermeintliche Unsterblichkeit literweise in Flaschen ab. Man hadert. Aber wo man schonmal hier ist, ohnehin seit einem Jahr regelmässig gesegnet mit kleineren und grösseren Magenproblemen, dippt man die Füsse ins Wasser. Tausche Gesundheit gegen womögliche Unsterblichkeit. Deal.
Und was am Ende bleibt: keine Krankheit trotz Bad im Ganges und eine unglaubliche Geschichte, die sich im Kopf festgesetzt hat, wie der Staub Allahabads in den Atemwegen.