Der Auslandsreisekrankenversicherungsgott im Baklava-Paradies

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“Das ist eine lange Geschichte”, sagt man. Das hier ist eine von der Sorte.
38 Grad umarmen mich warm und besitzergreifend als ich aus dem Flughafengebäude von Antalya auf die Straße trete. Trotz Wettervorwarnung bin ich überrumpelt vom feuchten Kuss von Tante Sonne. Aber ich mag sie. Nur anfängliches Fremdeln nach langem Wiedersehen. Ein Transferbus bringt uns nach Side, vorbei an alten Häusern, die mit so viel Stil und Würde zu Ruinen geworden sind, dass man sich bunte Geschichten über sie ausmalt. Dann die Ankunft am riesigen Hotelbunker. Alles glänzt oder leuchtet oder glänzt und leuchtet. Hier findet niemand Staub. Auch kein Deutscher. An der Rezeption bekomme ich erst einmal ein grünes Armband angelegt – für die Pauschaltouristcredibility.

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Fünf-Sterne-Himmel

Die nächsten Tage lebt es sich so unbeschwert, faul und gepampert, dass sich die Fernsehnachrichten wie von einer anderen Welt anhören. Das ist weltfremd aber wertvoll. Ich bin out of space. Fünf Sterne machen schon einen kleinen Himmel. Mit quer durch die Anlage dröhnendem „Guten Morgen Sonnenschein“ beginnt jeder Tag. Das gesamte Hotelpersonal grüßt freundlich. Für den Deutschen ist das ungewohnt. Manche Gäste quittieren das mit Ignoranz. Die basiert aber nicht auf Überheblichkeit sondern auf Überforderung. Nach drei Tagen hat sich spätestens jeder an die ungewohnte Gastfreundschaft gewöhnt. Da hier auf jeden Gast etwa sieben Hotelangestellte kommen, grüße ich in 2-Minuten-Takt.

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Was Delfine wollen

Die sieben Restaurants und Bars werfen einem den gegrillten Fisch, Fladenbrot, Cocktails und dieses wahnsinnig süße unvergleichliche türkische Gebäck in den Mund. Väter pusten am Pool den Bambi-Schwimmtieren Luft in den Hintern. Und die Töchter tragen die Viecher stolz durch die Anlage. Sofern das geht. Denn oft sind sie nur halb so groß wie das Tier. Den ganzen Tag schnattern Flip Flops wie Wildenten um den Pool. Das Meerwasser ist warm. Ich fürchte auch Urin spielt hier eine Rolle. Der Reiseveranstalter will mir einen Ausflug ins Definarium schmackhaft machen. Ich äußere meine Zweifel an der Freiwilligkeit der Delfine, den ganzen Tag mit der Nase an Touristenhände zu springen und für Erinnerungsfotos zu posieren. Er meint, ich solle das nicht so eng sehen. Womit wir bei den qm des Delfingeheges wären. Kurzum: Ich habe auf einen Ausflug verzichtet.

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Animation = Motivation = Illusion

Am Pool versuchen mich Animateure von meinem Bedürfnis zu überzeugen, bei inzwischen 40 Grad Celsius Dart, Tischtennis, Wasserball, Fuutbol oder Beach-Volleyball zu spielen oder wahlweise von Ihnen am Strand fotografiert zu werden. Mittags haben sie sogar die Illusion ich hätte Lust auf Wassergymnastik. Sie kennen mich nicht. Ich bleibe standhaft am Pool liegen. Abends nehme ich erfolgreich nicht an der Wahl zur Miss Kleopatra teil.

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Hier gibt es Baklava, hier will ich sein

Ich lese Timmerberg. Verdammt. Ich lese das Buch, das ich immer schreiben wollte. Im Pauschalurlaub ein Buch von Helge Timmerberg zu lesen, ist in erster Linie seltsam und auch ausufernd paradox. Ich fühle mich, als stünde ich mit Adiletten in der Kirche, als würde ich im Sand von Strandtapete ernsthaft Muscheln suchen, als hielte ich Süßstoff für Zucker und ein laues Ventilatorlüftchen für einen Sommersturm. Der Mann ist Holz mit Jahresringen, kein Plastik mit Weichmacher. Und er schreibt so rau und fein von seinen abenteuerlichen Reisen, dass ich mich wieder kurz für diesen Pauschalurlaub schäme. Timmerberg würde es vielleicht so sagen: Wenn das wilde Reisen die wahre Liebe ist, dann ist Pauschalurlaub nicht mehr als gelangweilte Onanie. Hmpf. Tobak. Da kann man mal drauf rumdenken und merken, dass bei dem Satz ne Menge Wahrheit vom Baum fällt. Nur Timmerberg hat das nie gesagt. Ich denke nur, er könnte so denken. Vielleicht denke auch nur ich so. Ich bin verwirrt. Am Buffet zerstreut sich die Skepsis: Hier gibt es Baklava, hier will ich sein.

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all inclusive mal anders

Der vierte Tag: der Stein im Schuh. Nachdem ich nun schon den zweiten Tag das Gefühl habe, oben und unten nicht auseinanderhalten zu können, gehe ich zum Hotelarzt. Der ist unsicher und bucht mir direkt einen Tagesausflug zum örtlichen Krankenhaus. Meine Freude darüber: so langlebig wie ein Eiszapfen in der türkischen Sonne. Minuten später sitze ich in einem Wagen. Der Taxifahrer zum Krankenhaus muss einen schmerzhaft eingewachsenen Zehnagel haben. Anders lässt sich seine Hemmung, bei Rot das Bremspedal zu treten, nicht erklären. Im Krankenhaus geht alles ganz schnell. Der Arzt macht Gleichgewichtstests, die ich weder in der A- noch in der B-Note mit Bravour bestehe. Eh ich mich versehe jagt mir eine türkische Schwester eine Kanüle in die Hand. Am anderen Ende des Schlauchs: der Infusionsbeutel samt Ständer. Der Tagesausflug wird unfreiwillig ausgeweitet: EKG, Blut abnehmen, Tabletten gegen Schwindelgefühl, Spritzen gegen Übelkeit, Vollverpflegung mit Krankenhausessen, Übernachtung. Sozusagen all inclusive. Der Arzt kommt mit Dolmetscherin. Ich verstehe nur Bruchstücke: Druck im Ohr, wenig getrunken, Lunge, wenig Sauerstoff, zur Beobachtung über Nacht.

Das türkische Krankenhaus – die Entlassungstaktik

Und da liege ich also, mit abblätternden türkisen Nagellack, Hotelbändchen am Handgelenk, esse eine Masse, die wohl Kartoffelbrei sein soll und versuche mir vorzustellen, es sei Baklava. Aber ich habe zu wenig Fantasie. Um guten Willen zu zeigen und hier raus zu kommen, trinke ich so viel Wasser wie möglich. Wenn der Arzt das nächste Mal kommt, sollen ihn drei leere Flaschen auf dem Nachtisch beeindrucken. Ich bin stolz auf mich und diese Idee, auch wenn der ständige Gang am Tropf zum Klo entwürdigend ist. Ich kratze Stolz und Kraft zusammen und trage diesen blöden Ständer wenigstens durchs Zimmer. Schieben ist was für Kranke.

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Rückkehr ins Baklava-Paradies

Nachts halb zwei werde ich wach, weil mir eine Schwester eine weitere Spritze in den Schlauch jagt. Vertrauen ist gut, Kontrolle ohnehin nicht möglich. Dann nimmt sie auch noch die drei leeren Flaschen mit. Verdammt. Jetzt kann ich nicht mehr vorm Chefarzt protzen. Das nächste Mal wache ich gegen sechs Uhr auf, weil die Sonne hinter den Bergen hervorblinzelt. Der beschissene Beutel ist immer noch nicht leer. Ich halte an meinem durchkreuzten Plan fest, trinke wieder eineinhalb Liter und positioniere die leeren Flaschen außerhalb des üblichen Schwesternradius’. Dann trainiere ich heimlich für die Gleichgewichtstests. Das Ziel: Nicht aussehen, als wäre mir schwindelig. Ich brauche schauspielerisches Talent, denn mir geht es nicht wirklich besser. Ich bin totmüde, aber ich traue mich nicht, wieder einzuschlafen. Wenn der Arzt kommt, will ich mindestens olympionik erscheinen. Ich habe Augenringe bis zu den Kniekehlen und bilde mir ein, mein Brillengestell verdeckt das Elend. Dann kommt der Arzt. Er fragt wie es mir geht. Ich so: Seeeehr gut. Nee, wirklich. Viel besser. Er so: Ach, aha. Nachdem er die Unterlagen bedeutungsschwanger durchblättert, gibt er grünes Licht. Bepackt mit bunten Tabletten darf ich zurück ins Baklava-Paradies.

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Der Auslandsreisekrankenversicherungsgott

Im Auto zum Hotel sitze ich neben einem siebenjährigen Mädchen. Sie jammert, weil die Infusionseinstichhand weh tut. Ich jammere mit. Sie lacht. Ihre Mutter sitzt vorn und lacht nicht. Sie musste für ihre Tochter 680 Euro fürs Ohrenspülen zahlen. Ich bete dankbar zum Auslandsreisekrankenversicherungsgott, an den ich schon vor Reiseantritt geglaubt und Ablass gezahlt habe.

Da war doch noch was – BINGO!

Zurück im Hotel gehe ich es ruhig an. Also alles wie vorher eigentlich. Ich genieße Strand, Pool, trinke viel und hole die versäumten Mahlzeiten am Buffet nach. Dann der letzte Abend. Mir kommt zu Ohren, heute ist BINGOABEND. Einerseits: Wir müssen nachts zwei Uhr aufstehen weil der Flug so früh geht. Andererseits: BINGOABEND. Ich kaufe zwei Bingoscheine. Der Animateur schwört auf den wahrscheinlicher werdenden Sieg wenn ich mehr Scheine kaufe. Ich so: Zwei reichen mir zum Gewinnen. Dann der Bingoabend. Was soll ich sagen. Es kam wie es kommen musste. Am Ende stand ich auf der Bühne im Scheinwerferlicht und wurde mit Ruhm und wertlosen Gewinnen überschüttet: eine Side-Tasse, ein Side-Porzellan-Wandbild, ein Side-Souvenir frei von Funktionalität, ein kaputtes Armband, eine hässliche Kette und eine gebrannte Kinderanimationsmusik-CD. Ich bin also gut aufgestellt fürs nächste Schrottwichteln. Versöhnlicher hätte dieser doch irgendwie abenteuerliche Pauschalurlaub eigentlich nicht enden können. Wenn, ja wenn nicht noch der Rückflug gewesen wäre.

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Braucht jemand dringend einen schönen Satz?

Der Rückflug sei wie folgt zusammengefasst: Alles wäre sorgenfrei gewesen, hätte es nicht auch dort oben Action gegeben. Leider nicht in Form des großartigsten Bruce-Willis-Streifens der 90er „Stirb langsam 3“. Es wurde nach einem Arzt an Bord gefragt, weil ein Fluggast dringend medizinische Hilfe benötigte. Was wohl los gewesen wäre, hätten sie nach einem Piloten an Bord gefragt?! Der Kreislauf eines Mädchens (thanks, its not me!) gab Standing Ovations. Es folgte eine Infusion über den Wolken. Ärzte sind Helden. Über den Wolken aber sind sie Götter. Es wird wohl nie eine Flugbegleiterin nach einem Journalisten an Bord fragen, weil ein Passagier dringend eine investigative Recherche oder einen schönen Satz braucht. Ich bin ein dankbares kleines Licht, das aus dem Fenster schaut. Die Wolken erinnern abwechselnd an Zuckerwatte, körnigen Frischkäse und Schaumkussmasse.

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