Malen nach Zahlen

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“Wie man genießen kann, wenn man weiß, dass man geht. Man müsste ständig gehen, das müsste ständig gehen. Wie man genießen kann, wenn man weiß, dass man geht. So dass man anfängt, anders zu sehen.”
Cluesn

Huch, die hundert Tage im Countdown sind geknackt. Und irgendwie macht das was mit einem, im Guten wie im Wehmütigen. Es ist ein bisschen so wie der Moment, in dem an der Glücksradwand ganz viele Felder hell aufploppen während Maren Gilzer lächelnd an der Seite steht und unter dem Respekt zollenden Applaus aus dem Publikum die Buchstabenfelder umdreht. Und das ist der Augenblick in dem man lösen möchte, weil man dank ERNSTL erkannt hat, was so eine Weltreise wirklich bedeutet.

Es ist so: Je weniger Tage noch bis zum Abflug ins Land gehen, desto wertvoller werden sie. Im Kopf quirlen die Gedanken wie Bauschaum aus den Zwischenräumen raus. Impftermine, Behördenmarathon, Flug von Kapstadt nach Buenos Aires buchen, Sehstärke noch mal checken lassen, Liste für die Reiseapotheke schreiben, Arbeiten, Arbeiten, Arbeiten, Zahnarzttermin vereinbaren, Kündigungsfristen einhalten, Weihnachtsgeschenke kaufen, und (und das habe ich unterschätzt:) alle bedeutenden Menschen müssen noch mal besucht werden. Es sind LOS-unbedingt-nochmal-bewusst-mitmachen-WOCHOS vor der Weltreise: nochmal Vorweihnachtszeit, nochmal Schneeflocken im Gesicht und Plätzchenbacken, nochmal Nebenkostenabrechnung und Ärger mit der Rheinbahn, unbedingt nochmal Frankfurt, Leipzig, Dresden und Berlin, nochmal bewusst Alltag.

Im Grunde ist von hier an eigentlich alles leicht: Dank der vor Monaten angelegten Listen, ist es ein einziges Malen nach Zahlen. Nur: so langsam mischt sich das bewusste Verabschieden noch mit in die Farben. Aber das versaut die Kunst keineswegs. Im Gegenteil. Ohne Heimat kein Fernweh. Ohne Ferne kein Heimweh.

hin und weg

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Fast hätte ich es geschafft. – Es ist so: Wenn man eine Weltreise plant, sollte man eigentlich nur drei Ratschläge befolgen:

  1. Keine Jack-Wolfskin-Jacke kaufen. – Das tragen nur Partnerlook-Rentner, die den Winter alljährlich auf Mallorca verbringen und Sätze zementiert haben wie „Mallorca hat auch schöne Seiten. Vor allem der Norden.“
  2. Irgendwann is auch mal gut mit Planen.
  3. Auf keinen Fall vor der Abreise verlieben.

Und fast hätte ich jeden dieser Punkte eingehalten. Aber jetzt als Tante reicht allein schon die gebuchte Foto-Flatrate aus, um entwaffnet festzustellen, dass es um mich geschehen ist. Spätestens in echt, 3D und Dolby Surround wird der kleine Kerl sich unumkehrbar seinen Platz an der Herzinnenwand sichern. Man ist hin und weg aber auch bald auf und davon. Aber es gibt Skype und wenn er dann in ein paar Jahren mal so gar nicht müde werden will und eine Gute-Nacht-Geschichte nach der anderen bei mir einfordert, werde ich fantastilliarden viele Abenteuergeschichten von allen Ecken der Welt auf Lager haben um ihn ausdauernd in den Schlaf zu entertainen.