Hals über Kopf

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Da ist es also nun, endlich oder schon. Das ist ja immer so: Man wartet ewig drauf, lunst immer schon aufgeregt durch den Türspion und dann ist man doch völlig durch den Wind wenn es unten klingelt und man den Summer drückt. Oben angekommen, hat es sich dann sehr freundlich vorgestellt, dieses 2012, hat sich sogar die Schuhe am Fußabtreter sauber gestrichen und es hat mir sogar eine kleine Aufmerksamkeit mitgebracht: EINE WELTREISE!

Derzeit bewegt sich die Stimmung zwischen Huch und Yehaa, Hmpf und Wouw. Das scheint mir durchaus angemessen: Denn ich lasse einen mit phantastischen Menschen und Möbeln eingerichteten Lebensabschnitt hinter mir, für den ich sehr gekämpft und in dem ich mich bequem eingerichtet habe. Und ich tue gut daran, so viel wie nur möglich mit in den neuen rüberzuretten. Dennoch: vor mir liegt eine Bambushütte mit einem Dach aus Bananenblättern, die aus den Nähten platzt vor unberechenbaren Augenblicken, Weggefährten, Kulissen und Möglichkeiten.

Die vergangenen Wochen waren ein bisschen wie durch Milchglas gucken. Man deutet Formen und Farben, Verbindlichkeit und Bedeutung von dem, was man dahinter vermutet. Und am vergangenen Freitag hat sich der Hebel umgelegt. Inzwischen sehe ich alles in HD und höre in Dolby Surround. Alles wird aufgesaugt wie von einem Schwamm, ich versuche so viel wie möglich zu speichern. Da will ja auch was vermisst werden, wenn man in Kürze faul an den Stränden dieser Welt liegt und sich im Stress des Welcher-Wochentag-ist-heute-eigentlich?-Alltag suhlt.

Es sind die letzten Tage in der Redaktion, es ist die letzte Sendung im mütterlich-journalistischen Schoß, es sind die letzten Konferenzen mit Arbeitskollegen, die nie Leute sondern immer Menschen waren oder gar Freunde wurden. Letzteres müssen sie unter allen Umständen bleiben. Drunter gehts nicht; geht nichts. Es sind die letzten Tage, an denen ein Anruf bei der Familie kein Ferngespräch ist. Und es sind die letzten Tage, an denen ich in einer WG wohne, in der man sich gegenseitig Überraschungseier als Nachtisch mitbringt.

Und trotzdem, oder deswegen fühlt sich alles sehr richtig an. Man muss an den Seilen ziehen, um zu sehen ob sie halten. Aber wenn sie halten, dann auf ewig. Wenn man so viel Gutes trifft, ist man irgendwann verwöhnt und besoffen von der Vorstellung, dass in jedem noch so toten Winkel dieses Globus’ ein Überraschungsei mit Bastelanleitung auf einen wartet. Für ein paar Wochen schläft dieses 2012 aber noch provisorisch auf der Luftmatratze im Wohnzimmer bevor ich mir den Rucksack schnappe und wir die Tür von außen schließen.

6 thoughts on “Hals über Kopf”

  1. Ich kann dich gut verstehen wie es dir geht! Bin genau heute vor 3 Wochen losgezogen und sitze zur Zeit in Ushuaia gerade auf der Couch in einem Hostel und lese deine Zeilen. In diesem Augenblick denke ich an die letzten zwei Wochen in Deutschland zurück und freu mich diese mit sovielen lieben Menschen verbracht zu haben. Diese Erinnerungen sind wunderschön, geben Kraft und sagen mir dass in der Heimat Freunde auf mich warten! Das ist ein tolles Geschenk im Leben.
    Genieße die Zeit jetzt noch zu Hause und in 40 Tagen deine Reise!

  2. Kann sehr gut nachvollziehen, wie es dir gerade geht. Ich bin jetzt fast auf die Stunde genau seit 16 Tagen unterwegs. Und erst im Flugzeug wurde mir so richtig bewusst, was ich hier gerade vorhabe.
    Schöne Grüße aus Costa Rica.

  3. Ach du Scheiße, jetzt bekomm sogar ich Angst. Und ich habe dieses Jahr noch nicht mal deine Stimme gehört. Wie soll das denn werden, wenn du irgendwo bist, wo ich dich erst recht nicht anrufen kann. Okay, morgen wird dein Telefon klingeln. Und ich werde noch nicht melancholisch sein. Versprochen.

  4. @jens: Na wenn man am Ende der Welt war wie du und immer noch den Draht zur Heimat nicht verliert, dann muss man ja nix befürchten..Gute Reise weiterhin!

    @steffen: Crazy – 16 Tage – Da steckt man wahrscheinlich zwischen Reizüberflutung, Verstörung und ungeahnten Sehnsucht nach deutschem Trash-TV…Nice Blog!

    @kristin: Wat heißtn hier Angst? Mir ist dieses Skype zu Ohren gekommen – Neuer heißer Scheiß sag ick dir! Da wirste mich sogar sonnengebräunt sehen können! Morgen üben wir einfach erstmal das Hören.. to the heart!

  5. hallo Cinta, ihre “schreibe” ist wunderbar! Ich habe viel Spass beim Lesen gehat! Wir kennen uns nicht. Ich bin von einer ebenfalls allein- weltreisenden jungen frau (julia) auf sie aufmerksam gemacht worden und habe mal reingeschnuppert. Noch viele spannende Abenteuer…..
    I.

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