Für immer die Menschen

schoenes-leben

Ich habe nachgedacht: Die vergangenen Wochen waren die wertvollsten seit langem. Allein für sie hat es sich gelohnt, diese Reise zu planen. Ich habe für all das Zeit gehabt, was im Alltag sonst hinten runter fällt. Und ich durfte sie mit diesen grenzenlos fabelhaften Menschen teilen, die ich sonst viel zu selten zu Gesicht bekomme. Und diese Reise hat verraten, was sich in dem Umschlag oder hinter dem Tor zu jedem dieser Menschen verbirgt. Und es war nirgends diese unsagbar hässliche Zonkfratze. Diese Wochen haben mir zwar drei vom Zahnarzt kurz vor Abreise panisch verpasste Zahnfüllungen beschert, aber auch die Erkenntnis, wie sehr alle um mich herum auf mich abgefärbt haben. So viele selten gute Herzen auf einem Haufen gegenüber zu haben, lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass ich doch irgendwie auch ein feiner Mensch bin. All die kleinen, bezaubernden Familien, die da entstanden sind, die Paare mit den Plänen für die Ewigkeit, die Menschen mit Sätzen für die Herzinnenwand und die eigene Familie, die meinen Zustand zwischen Hektik und Tiefenentspannung, Nervenzusammenbruch und Verpeiltheit mit so vielen überdimensional großen Tüten Liebe, Kisten Verständnis und Kartons voller „Alles wird gut“ aushält – das alles macht es nicht leichter, diese Schnapsidee nüchtern durchzuziehen. Danke dafür!

Und vor der Tür steht seit Tagen die Vorfreude und drückt schüchtern die Klingel. Und ich traue mich nicht, sie rein zu lassen, weil ich sie doch gar nicht kenne. Sie kann mir ja viel erzählen wie gut das alles wird. Ich habe aber schon ein schönes Leben. Wahrscheinlich sollte ich sie langsam hereinbitten, die Kaffeemaschine anschmeißen und ihr ein Stück Kuchen anbieten. Die letzten drei Tage kann sie ja mit der Familie auf der Couch sitzen und uns alle davon überzeugen, dass das, was da kommt auch nur ein Kapitel im dicken Buch ist, aber dennoch eines mit vielen Abenteuern, auf die es sich zu freuen lohnt.

Ohne Blues kein Schlager

lastnight

Jetzt versteh ich, was alle mit „so was“ gemeint haben, wenn sie gesagt haben „Ich könnt so was ja nicht.“
Ein weiterer wichtiger Hering ist aus dem Boden gezogen. Und das hat mich echt kalt erwischt. Plötzlich passt alles in einen popeligen Transporter und mit jedem Meter Entfernung vom bisherigen Leben fürchtet man, dass alles weg ist, wenn man wiederkommt. Vielleicht kann sich keiner mehr an einen erinnern. Die Dinge lassen sich schwerer messen, wenn man plötzlich die Maßeinheit ändert. Ich hatte ein schönes Wohnzimmer, eine großartige Mitbewohnerin, Menschen mit einem Herzen so groß wie ein Erntedankkürbis um mich herum. Ich hatte einen Briefkasten, einen guten Job, ein Flohmarktfahrrad und eine Waschmaschine. All das ist erst mal weg. Und jetzt hab ich nur noch einen Reisepass, ein Schlafsackinlett und ein Breitbandantibiotikum. Diese Bilanz in Bier eingelegt macht Respekt bis Angst. Denn wenn man zurück ist, hält man vielleicht die „Zurück auf Los“-Karte in der Hand. In den Fußnoten dieses Reiseprojekts stand was von Risiken. Derzeit sieht man sie wie durch eine große Lupe.

So umwerfend die Bilanz der emotionalen Inventur vor so einer Weltreise ist, derzeit sind Heliumballons an der Melancholie abhanden gekommen. Aber: Ohne Blues kein Schlager. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als dran zu glauben und drauf zu hoffen, dass alles ganz großartig wird, diese Reise das alles wert ist und danach die Menschen, die “reunde” in “amilie” verwandeln konnten und die Chuzpe zum Oberlippenbart haben, noch immer da sind. Könnt ihr also alle bitte noch da sein, wenn ich zurückkomme?!

– Ummelden: checked
– Nachsendeauftrag: checked
– Zugtickets zum Flughafen: checked
– Notfall- und Kontaktlisten erstellen: checked
– Dokumente einscannen: checked
– Reiseapotheke extended Hypochonderversion: checked
– Sagrotanvorrat: checked
– Im Umzugstransporter weinen: checked

Nun also endlich noch ein paar ruhige Tage mit Nestwärme im Vorratspack. Das wird gebraucht.

Der Tag, von dem wir später reden

wolfgang-anneliese

„Will keine Zweifel haben, stell tausend Vergleiche an, wann war wohl die schönste Zeit, 
zu viel das vergessen bleibt.
Ich trau mich kaum die Augen zu schließen, will in Zukunft nichts verpassen, wachsam bleiben und genießen.
Nicht mehr an morgen denken, jeden Moment erleben, heute ist der Tag von dem wir später reden.“

Draufgeschissen, ich bin bekannt für duselige Texte. Und es müsste mit allerhand Beschiss und unpassender Distanz zugehen, wenn gerade der hier nicht auch einer von der Sorte werden würde.

Es war wie der Moment, in dem man sich fünf Lose auf der Kirmes kauft. Davor hat man sich nur für diesen Augenblick morgens aus dem Bett gequält und Zeitung ausgetragen. Nur um das Geld zu verdienen um sich diese fünf Lose leisten zu können. Denn Kirmes ist selten in der Stadt. Und das Glück nur mit den Tüchtigen. Und dann puhlt man diese fünf Lose aus der Kiste während der oberlippenbärtige Verkäufer grimmig mitzählt und seine Frau marktschreierisch im Hintergrund übers Mikro Gewinne anpreist. Und dann hält man sie in den Händen. Vier Nieten.

Und dann setzt man alles in das letzte Los, reißt langsam links und rechts die Perforationslinie ab. Und das ist es dann: der Hauptgewinn. Diesen Moment erleben viele nie. Im Kopf ein Wunderkerzenfeuerwerk und das Herz glüht so sehr, dass man aufpassen muss, dass man sich nicht daran die Finger verbrennt. Diesen Moment hatte ich am Samstag auf meiner Abschiedsparty. Und der Moment war 720 Minuten lang. Diese 12 Stunden bedeuten. Die Gesichter, die rührende Rede, die Geständnisse auf dem Balkon und in der Küche, das superlative Baby auf dem Arm, der leergeputzte Nachtisch, der Limbo, die Filter, durch die man nur rosig sehen kann, die Autogramme und dann leider auch noch Whitney-Gedächtnis-Songs. Ich habe auf dem Balkon gestanden und versucht, mir alles zu merken, was da drin grad passiert. Ich habe schon vermisst, bevor ich weg bin. Und ich war so gerührt, dass mir schwindelig wurde, während ich still da stand. Und ich habe gedacht: das hier ist so besonders, dass es mir unmöglich noch einmal in der Welt begegnen kann.

Und dann waren alle weg. Mit mehr Ringen als eine alte Eiche unter den Augen, wird die Sache jetzt ernst. Und ein bisschen hackt die Milch im Weltreisepudding. Weil da die Frage im Raum steht, ob danach noch alle so sehr dabei sind, wie zuvor. Und irgendetwas lässt mich glauben, dass es so sein wird. Und keine Zeile im kleinen Buch ist bisher gelesen. Nur Auszüge wurden vorgelesen. Und die hatten es schon in sich. Die Seiten werden aufgehoben für den Rien-ne-vas-plus-Moment im Flieger nach Kapstadt. Auf einer Skala von eins bis zehn seid ihr die Skala. Ihr seid der Maßstab. Danke fürs so Schwermachen. Hat ja keiner gesagt, dass es leicht werden würde.

Clueso – Zu Schnell Vorbei from Park17 Filmproduktion GmbH on Vimeo.

Vorhang auf

schnitt

Ja, natürlich kommt es auf den Inhalt an. Kein Mensch freut sich zum Geburtstag über die schöne Geschenkverpackung wenn die Schachtel leer ist. Und ein leerer Kaugummiautomat macht noch kein Kinderlächeln. Andererseits sind Berliner ohne Drumrum auch nur Marmelade. Und ich kenne keinen Erwachsenen, der Überraschungseier wegen des Spielzeugs kauft. Das ist nämlich auch nicht mehr das, was es früher mal war. Was zählt, ist die Schokoladenschale. Und niemand, wirklich niemand will im Supermarkt den Liter Milch direkt in den Einkaufsbeutel geschüttet bekommen. Wenn Inhalt also der Text ist, dann ist die Verpackung sozusagen die Melodie, die im Ohr wie Hefe gärt. Und aus diesem Grund, hab ich alle Liebe zum Detail, Schweiß, Geduld&Spucke, Nervennahrung und den phantastischsten Cutter, der auch noch ein ganz großartiger Mensch ist, zusammengetrieben und den Vorspann für die zukünftigen “Quadratur der Reise”-Videos gebastelt. Und herausgekommen, ist eine handgeklöppelte, smarte, mit Liebe vollgestopfte Verpackung, die es verdient, schonmal vorneweg um ihrer selbst willen stolz präsentiert zu werden.
Und jetzt: Ton an und Tadaaa:

vorspann from quadratur der reise on Vimeo.

Wurzelbehandlung

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Die Tage rieseln wie Sand durch die Finger. Und so langsam beschleicht mich der Verdacht, dass, je kürzer die Zeit bis zum Abflug, desto fabelhafter und merk-würdiger ist mein Leben, das ich für die Reise in ein Einmachglas fülle und von Erinnerungen gut bewacht in den Schrank stelle. Es ist, als tunkt einer den ohnehin phantastischen Oreo-Keks noch einmal in weiße Schokolade, als würde auf einer sowieso schon sehr perfekten Party plötzlich „Wonderwall“ aus den Boxen dröhnen und als bekäme man zu einem Sechser im Lotto auch noch Weltfrieden geschenkt. Die knappe Zeit verdoppelt den Wert.

Am Wochenende wurde der Abschied von der Verwandtschaft in Dresden mit mehreren Famililienpizzen gefüttert. Und es war in jeder Hinsicht perfekt. Irgendwie katapultiert einen das “Wo geh ich hin?” scheinbar automatisch auch zum “Wo komm ich her?”. Ich habe noch mal die weltbeste russische Quarktorte gegessen, habe meinen Großvater verschmitzt grinsen gesehen, nach Ewigkeiten in der Bravo meiner Cousinen geblättert und ich habe in Altenberg noch einmal im Schnee bei Minus 15 Grad gefroren.

Wenn man aus den letzten Tagen vor dem Flug etwas lernt, dann, dass man solche Tage im Alltag nicht hinten runterfallen lassen sollte und die Dinge immer so aufsaugen sollte. Der ganze Spaß ist noch nicht mal losgegangen und schon klebt die Erkenntnisstapete am Hinterkopf. Nicht auszudenken, wie weise ich zurückkommen werde von dieser Weltreise. Vor die Reise hat der Planungsgott aber glücklicherweise noch die Abschiedsparty gestellt. Das wird groß.

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Hüpfburgaktionismus

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In 25 Tagen geht mein Weltreiseauftaktflieger und irgendwie verbringe ich die Tage derzeit mit allerhand spaßgeschwängerten Nebenbaustellen. Eigentlich sind da allerhand Dinge, die es zu erledigen gilt: Kleiderschrank auszuräumen, Kartons besorgen, Probepacken, Notfallliste erstellen, Ausweise einscannen, Kameraversicherung abschließen.

Stattdessen fühlen sich die letzten Tage an wie ein großer Kindergeburtstag. Derzeit springe ich nur reizüberflutet in der Hier-und-Jetzt-Hüpfburg rum, stehe mit Bier und Melancholie auf einem Gisbert zu Knyphausen Konzert im Gloria, halte die Zeit mit fundamentalen Freunden an, besuche die verstreute Familie, melde mich als letzter Mensch auf dieser Erde bei Facebook an, beginne zu Twittern und bestelle aufblasbare Palmen und Aloha-Ketten für die Abschiedsparty.

Es sind also elementare Meilensteine der Weltreiseplanung, die ich da derzeit abarbeite. Und genau das war die Absicht hinter dem gemütlichen Zeitfenster zwischen letztem Arbeitstag und Weltreisestart. Für ein paar Wochen kann ich mich den Dingen widmen, zu denen ich vorher viel zu selten kam und auf die ich bald lange Zeit verzichten muss. So, und jetzt werden erstmal Hula-Ketten für die Abschiedsparty bestellt.

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Outtakes – Der letzte Arbeitstag

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Der letzte Arbeitstag vor einer Weltreise ist alles das, was nach der letzten Szene des Kinofilms auf der Leinwand passiert. Dieser Film war ein guter, ein anstrengender, ein anspruchsvoller, sowohl bodenständiges Programmkino als auch Original mit Untertitel. Das letzte Popcorn ist irgendwo in die Sitzritzen oder Zahnzwischenräume gewandert, die Luft ist geschwängert mit Hollywoodmelancholie und Tacogestank und der Großteil der Kinobesucher schlunzt bereits auf direkten Weg zum Ausgang.

Die guten Menschen aber bleiben noch sitzen. Erst einmal ist alles schwarz und das macht irgendwie ratlos, weil man zwar wusste, dass das irgendwann zu Ende geht, aber man hat vergessen auf die Uhr zu schauen, und dann ist man doch irgendwie überrascht. Und dann rollt noch mal Stab und Besetzung an einem vorbei. Und man saugt sich mit den Augen an jedem Namen fest und versucht sich kurz noch einmal an wichtige Momente zu erinnern, bis sie aus dem Bildschirm wandern. Und irgendwie wird einem erst einmal klar, mit wie vielen guten Namen man es da zu tun gehabt hat. Die Augen stolpern von Name zu Name. Und dann wieder schwarz.

Und dann beginnen diese fabelhaften Outtakes, die vielleicht sogar wertvoller sind als der Hauptfilm und die unter die Haut gehen: ein Premiereabend im Ersten, Tischtennis im Keller, eine Currywurst am Berliner Flughafen, eine überdimensional große Flagge im Hof, ein ‚Scheiß die Wand an’ und ein ‚in der Wolle gefärbt’, ein Mittagessen in der Geissel und eine Nacht im Schwarzen Café in Berlin. Und dann wieder schwarz.

Inzwischen gehen schon die Kinomitarbeiter durch die Reihen und puhlen Popkorn aus den Sitzen. Und dann steht man auf und geht; gerührt und versöhnt. Weil jetzt draußen das große Leben in der extended Version auf einen wartet. Und weil es den Film samt Outtakes in der Hirnrinde auf DVD gibt.

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