Der Tag, von dem wir später reden

wolfgang-anneliese

„Will keine Zweifel haben, stell tausend Vergleiche an, wann war wohl die schönste Zeit, 
zu viel das vergessen bleibt.
Ich trau mich kaum die Augen zu schließen, will in Zukunft nichts verpassen, wachsam bleiben und genießen.
Nicht mehr an morgen denken, jeden Moment erleben, heute ist der Tag von dem wir später reden.“

Draufgeschissen, ich bin bekannt für duselige Texte. Und es müsste mit allerhand Beschiss und unpassender Distanz zugehen, wenn gerade der hier nicht auch einer von der Sorte werden würde.

Es war wie der Moment, in dem man sich fünf Lose auf der Kirmes kauft. Davor hat man sich nur für diesen Augenblick morgens aus dem Bett gequält und Zeitung ausgetragen. Nur um das Geld zu verdienen um sich diese fünf Lose leisten zu können. Denn Kirmes ist selten in der Stadt. Und das Glück nur mit den Tüchtigen. Und dann puhlt man diese fünf Lose aus der Kiste während der oberlippenbärtige Verkäufer grimmig mitzählt und seine Frau marktschreierisch im Hintergrund übers Mikro Gewinne anpreist. Und dann hält man sie in den Händen. Vier Nieten.

Und dann setzt man alles in das letzte Los, reißt langsam links und rechts die Perforationslinie ab. Und das ist es dann: der Hauptgewinn. Diesen Moment erleben viele nie. Im Kopf ein Wunderkerzenfeuerwerk und das Herz glüht so sehr, dass man aufpassen muss, dass man sich nicht daran die Finger verbrennt. Diesen Moment hatte ich am Samstag auf meiner Abschiedsparty. Und der Moment war 720 Minuten lang. Diese 12 Stunden bedeuten. Die Gesichter, die rührende Rede, die Geständnisse auf dem Balkon und in der Küche, das superlative Baby auf dem Arm, der leergeputzte Nachtisch, der Limbo, die Filter, durch die man nur rosig sehen kann, die Autogramme und dann leider auch noch Whitney-Gedächtnis-Songs. Ich habe auf dem Balkon gestanden und versucht, mir alles zu merken, was da drin grad passiert. Ich habe schon vermisst, bevor ich weg bin. Und ich war so gerührt, dass mir schwindelig wurde, während ich still da stand. Und ich habe gedacht: das hier ist so besonders, dass es mir unmöglich noch einmal in der Welt begegnen kann.

Und dann waren alle weg. Mit mehr Ringen als eine alte Eiche unter den Augen, wird die Sache jetzt ernst. Und ein bisschen hackt die Milch im Weltreisepudding. Weil da die Frage im Raum steht, ob danach noch alle so sehr dabei sind, wie zuvor. Und irgendetwas lässt mich glauben, dass es so sein wird. Und keine Zeile im kleinen Buch ist bisher gelesen. Nur Auszüge wurden vorgelesen. Und die hatten es schon in sich. Die Seiten werden aufgehoben für den Rien-ne-vas-plus-Moment im Flieger nach Kapstadt. Auf einer Skala von eins bis zehn seid ihr die Skala. Ihr seid der Maßstab. Danke fürs so Schwermachen. Hat ja keiner gesagt, dass es leicht werden würde.

Clueso – Zu Schnell Vorbei from Park17 Filmproduktion GmbH on Vimeo.

2 thoughts on “Der Tag, von dem wir später reden”

  1. Ihre Nachricht …da ist sie doch die Wehmut, die du versuchst ein bißchen vor mir zu verbergen, weil du glaubst, dass es für mich doch noch schwerer wird loszulassen. Aber wie Du sagst, die Leine ist nur etwas länger und alles läuft gut. ich hab Dich lieb!

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