Vorschlaghammerschönheit

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In den vergangenen Tagen habe ich wenig geatmet und das geht ganz allein auf die Kappe vom Cap, der ein guter Räuber ist. Ich habe nachts nicht geträumt, weil ich das hier jeden Tag bereits mache. Und der Hals ist ganz heiser, weil das Herz ständig so hoch schlägt. Die vergangenen Tage waren so vollkommen, dass ich es kaum glauben kann. Am Muizenberg Beach hab ich Blut geleckt. Think, I need to take some surf-lessons! Am Boulders Beach stand ich neben Pinguinen im Wasser, ich stand am Cape of good hope und der Name ist Programm. Und dann ein Sonnenuntergang über dem Ozean, bei dem alle je gesendeten Sonnenuntergänge in kitschigen Liebeskomödien nichts anderes als ein plumper Abklatsch sind.

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Dieses Land ist ein besonderes und so sind es auch die Menschen, denen man aus Zufall, manchmal nur für einen Abend begegnet. Und man beginnt daran zu zweifeln, dass Planung irgendeinen Sinn ergeben könnte. Planung ist der Splitter im Finger Zufall.

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Da wäre der gute Jonathan, von dem ich schon erzählt habe, aus dessen vehementem Appell an Toleranz man nur vermuten kann, wie viel Ablehnung er in diesem Leben schon beim Kassensturz zählen musste. Dann ist da der südafrikanische Polizist mit einem Herz satt vor Weisheit, der bis heute laut wird, wenn er daran denkt, dass er als weißer Südafrikaner seine schwangere farbige Freundin nicht besuchen durfte. Und der immer die Hand am Herz hält, wenn er von der Liebe zu seiner Tochter erzählt, auch wenn sie mit 15 ein breit gefächertes Drogenwissen vorweisen kann.
Dann ist da Toby, der ausgewanderte Hamburger, mit dem es sich vortrefflich nachts im Hostel bei einem Bier über die Finanzkrise diskutieren lässt und der einen bei der Verabschiedung so sehr umarmt, als kennt man sich schon ewig. Und dann ist da dieser Mann, dessen Namen ich mir vor lauter Respektfläche im Kopf nicht gemerkt habe. Dass er 12 Jahre in Robben Island war, erzählt er nie selbst. Nur alle anderen erzählen stolz davon. Er aber steht dabei immer schweigend und aufrecht daneben. Nie würde er selbst erzählen, dass sein Glaube an die Gleichberechtigung und Demokratie so groß war, dass er dafür 12 Lebensjahre hergegeben hat. Heute spaziert dieser Held bescheiden durch die Mall und leistet mir beim Mittagessen Gesellschaft.

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Und: Günther, der mit 70 Jahren im Hostel-Dorm übernachtet. Er nennt es nicht Urlaub, er nennt es Verlagerung des Wohnsitzes. Wenn es in Deutschland kalt ist, verbringt er seine Zeit in Kapstadt und zählt abends die Wellen. Den Mount Everest besteigt er nicht mehr, solche Sachen habe er mit 60 gemacht. Aber jetzt ist er älter. Als erstes hat er sich bei mir ganz freundlich bedankt, weil ich ihm dieses Leben mitfinanziert habe. Das tut er bei jedem Deutschen, der im Hostel aufschlägt, und das mit einer verstörenden Ehrlichkeit, die man erst mit Dreistigkeit zu verwechseln droht. Außerdem ist da Arnulf, der, wie er mich in zwei Minuten dreimal wissen lässt, bald 43 wird. Arnulf befindet sich im Spätsommer seines Lebens in der Blüte seiner Midlife-Crisis, die er abends Gras rauchend an der Hostelbar vergessen machen will. Arnulf redet viel, macht was mit Werbung und wenn Frauen, die er beim zweiten Date mit nach Hause nimmt, sein Alf-Telefon kindisch finden, schickt er sie weg. Und Robert und die beiden Mädels von der Lufthansa, die mich auf die Tou zum Cap mit dem Wagen mitgenommen haben und mit denen ich im Mama Africa fast taub geworden bin, so laut hat die Life-Band neben unseren Tellern getrommelt. Und heute: Luis, mit dem ich sechs Stunden im Bus nach Sedgefield saß und nur englisch gesprochen hab, bis wir gemerkt haben, dass wir beide deutsch sind.

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Einer der feinsten Menschen, die ich kenne, hat mir gesagt, die Seele muss weich werden, damit sie die Dinge aufsaugen kann. Und er behält Recht. Die 14 Tage Garden Route haben heute erst begonnen und alles ist schon phantastischer, als es sich mein deutsches Gehirn hätte ausmalen können.

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6 thoughts on “Vorschlaghammerschönheit”

  1. Wow! Da krieg ich gleich mit Schnappatmung – die Mischung aus fesselndem Text und umwerfenden Fotos ist einerseits so schön, dass man anfangen könnte zu heulen, ohne dabei gewesen zu sein. Und gleichzeitig ist sie so grausam, dass man schon wieder noch viel lauter heulen möchte – aus demselben Grund: nämlich weil man eben nicht dabei war. Umso schöner, dass du uns immer doch ein Stückchen dabei sein lässt…und keine Sorge – hier bist du ja auch immer ein Stück dabei…Wenn es stimmt, dass es Schluckauf verursacht, wenn andere an einen denken, dürftest du in den vergangenen Tagen gar nicht aus dem *Hicks* rausgekommen sein 🙂 Ich freu mich auf mehr…falsch: Ich lechze nach mehr! Fühl dich gedrückt!

  2. Ohhhh, Pinguine! Ich vermute, diese Surferlust packt irgendwann jeden Weltreisenden, oder? Na dann: Fang jetzt schon mal damit an, damit du in Australien dann ganz elegant dabei aussiehst, als wärst du der älteste deutsche Surferhaudegen, den die jemals auf dem Brett gesehen haben.

  3. @ frau o: dankeschön, naja schluckauf nicht aber halsschmerzen! ob das zusammenhängt?! freu mich, euch mitzunehmen!

    @ kristin: jetzt is mir ne erkältung dazwischen gekommen. damn. mal schauen, morgen klappts vielleicht.

    @ karl: yeha, danke für die info. die medienaufmerksamkeit geht auf die kappe vom guten klys. hab dich direkt am “enjoy” erkannt!

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