Argentina – the movie

Liebe Nasen, ihr kennt das Spiel. Das nächste Land – Bolivien – hat unten an der Haustür geklingelt und stolpert schon die Treppe zur Wohnungstür hoch. Und das heißt immer: Es ist wieder Video-Zeit. Diesmal das bezaubernde Argentinien, das meiner Steak-Konsum-Jahresbilanz einen neuen Rekord beschert hat und welches mich endlich mal wieder in ein Fussballstadion getragen hat. Viel Freude damit.

Hinter den Kulissen

Vom Kap der guten Hoffnung ins Tonwnship, vom Strand auf den Burj Khalifa, von der Christusstatue zum Zuckerhut, von Ipanema zu den Iguazu-Wasserfällen, von La Boca nach Recoleta. – Durch die Fensterscheibe betrachtet, könnte man wahrscheinlich den Eindruck bekommen, dieses Weltumrundungsprojekt kommt ohne jeden schnöden Alltag aus. Das ist so nicht ganz richtig, es ist sogar falsch. Auch wenn man ohne eigene Butze und dazugehörigen Briefkasten lebt, schleicht sich eine Form von Alltag in diese Reiserei, die man wegen ihrer Beständigkeit allmählich zu schätzen weiß, die zugleich aber auch nervt wie schnarchende Dorm-Genossen, die bei offener Tür pinkeln. Womit wir auch schon beim ersten Alltagspunkt wären:

Die Dorms:
Bis auf eine Nacht in Dubai habe ich in den vergangenen zwei Monaten in Dorms geschlafen. Vom 4-12-Bettzimmer war alles dabei. Am Besten checkt man schnell die Steckdosengegebenheiten und sucht sich das Bett daneben aus. Faustregel ist aber: Unabhängig von der Anzahl der Betten gilt: einer schnarcht immer. Hinzu kommt, dass die Bio-Rhythmen zwischen den meisten Backpackern so harmonieren wie zwei sehr, sehr schlechte Freestyletänzer. Einer macht Siesta und der andere macht sich verzweifelt an seinem Safe-Schloss zu schaffen, weil er den Code vergessen hat, einer geht früh ins Bett und der andere macht sich drei Stunden zwischen Tuben und Cremes für die Partynacht zurecht, einer schläft und der andere kommt in den Morgenstunden vom Feiern zurück, einer steht früh auf und sucht in seiner atemberaubenden Rascheltütensammlung seine Radler um zum Sonnenaufgang durch die Landschaft zu fahren und der andere schläft seinen Kater aus. Das Leben im Dorm ist eine Nervenprobe und ein Experiment auf der Suche nach größtmöglicher Anpassungsfähigkeit, Toleranz und den perfekten Ohropax.

Ich packe meinen Koffer:
Aus einem Rucksack zu leben, der 20kg fasst, ist schwer. Für ein Mädchen doppelt so sehr. Und alle paar Tage wird erneut Tetris gespielt und man zieht sich beim Rollen und Stopfen erneut eine Sehnenscheidenentzündung zu. Und irgendwie wird das Gepäck immer mehr. Ab und zu ist Frühjahrsputz angesagt, dann wird Inventur gemacht und alles auf seine Daseinsberechtigung kritisch überprüft. Nun sind Flip Flops aus- und eine dritte Strickjacke neu einsortiert worden. Denn Cordoba igelt sich bewölkt und bei 10 Grad mächtig ein. Außerdem wird man als Backpacker zum Chemiker. Regelmäßig steht man mit allerlei Tuben und Dosen im Bad und friemelt alles in kleinere Behälter um Gewicht zu sparen. Das dauert dann eine Stunde und danach fühlt man sich, als hätte man Feuer und das 3D-Kino erfunden.

Laundry-Christmas:
Ein ganz eigenes Kapitel verdient die Sache mit dem Waschen. Je weniger Klamotten desto öfter steht man vor der Frage, ob die Hose ernsthaft noch “tragbar” ist.
Option 1: Einfach so lange tragen, bis sich die Klamotten von selbst zersetzen und vom Körper fallen. (Soweit bin ich noch nicht.)
Option 2: Die im Vorfeld streberhaft besorgte Wäscheleine quer durchs Zimmer spannen und die Klamotten mit Handwaschmittel im Waschbecken waschen. Das Problem: Oft dauert es ewig bis die Sachen trocken sind, dann verliert man die Nerven und findet sich T-Shirt-fönend im Dormzimmer wieder. Ein sehr bezaubernder Das-glaubt-mir-zu-Hause-Keiner-was-ich-hier-mache-Moment.
Option 3: Die geliebte Laundry. Manche, also die guten Hostels bieten direkt einen Wäscherei-Service an. Da packt man dann alles, was nicht unbedingt benötigt wird in einen Beutel und gibt die Wäsche an der Rezeption ab. Wenn alles, wie hier in Cordoba fabelhaft läuft, findet man sich 12 Stunden später mit einem breiten Grinsen und Weichspülergeruch in der Nase wieder. Wie überall verbergen sich aber auch hier Risiken: Manche bekommen ihre Klamotten bei 60 Grad gewaschen und zwei Kleidergrößen kleiner zurück. Andere (ich) finden sich nach Rückgabe der Kleidung an der Rezeption wieder und müssen dem Hostelmanager auf spanisch (yeha) erklären welche Kleidungsstücke nun leider nicht mehr zurückgekommen sind, die man aber doch schon ganz gern wieder hätte.

Die Technik:
Ohne sie geht nichts. Das Heimweh lässt sich damit wunderbar verarzten. Außerdem ist das Internet bei der Planung unverzichtbar: Wo will ich überhaupt als nächstes hin? Fährt da ein Bus? Welches Unternehmen ist da seriös? Gibts eine Flugverbindung? Welches Hostel ist gut? Wie komm ich vom Busterminal zum Hostel? Wo will ich in drei Monaten hin und muss heut schon ein Visum beantragen? Was sagt eigentlich das Konto? Wie lautet die Hotline der DKB, denn alle Automaten spucken jede meiner Karten direkt wieder angewidert aus? Hat irgendwer meine Karte gefisht? Gibt es meinen Blog noch, oder hat wieder einer die Seite gehackt? (Wer ist grad bei Facebook online? Welche Quote hatte Hart aber Fair? Soll Lanz nun “Gottschalk Live” moderieren und Harald Schmidt “Lanz kocht”?)
Ein besonders großes Eis mit bunten Streuseln hat der Erfinder von Skype bei mir gut. Inzwischen habe ich schon in deutschen, argentinischen und U.S.-Amerikanischen Hotlines gehangen. Wofür? Das erzähle ich euch gern. So viel Zeit muss sein: Das Ramsch-Multi-Media-Unternehmen, das es bei der Namensgebung nicht unter einem Planetennamen macht, hat mir ein vermeintliches Quadbandhandy verkauft, welches sich hier nur noch als perfekte Diebstahlbeute eignet – denn es ist, natürlich, nur ein Dualbandhandy. Nun ja, nachdem ich das großzügige und der konkreten Situation natürlich völlig angemessene Angebot ausgeschlagen habe, extra nach Deutschland zu fliegen um das Handy dort zurückzugeben und mir mit Rabatt (Ui) ein wirkliches Quadband-Handy zu kaufen, haben wir uns nun auf die Rücküberweisung einer Teilsumme geeinigt.

Das ist der Alltag. Derzeit wird er noch genossen, denn bald begleitet mich mein Freund Internet für einige Zeit nicht mehr (- ist ihm zu anstrengend, tz, Lusche). Außerdem ist der Alltag besonders schön wenn man für Ende Juli die Flüge Mexico- City – San Francisco und L.A. – Rarotonga (Cook Islands) bucht.

Kinetik

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Es wird Zeit. Ich beginne Bilder in meinem Zimmer aufhängen zu wollen, die guten Menschen an der Rezeption kennen mich schon so gut, dass sie mich überschwänglich begrüßen, wenn ich das Hostel betrete und mir automatisch den richtigen Zimmer- und Lockerschlüssel in die Hand drücken und der Mensch am Kiosk greift schon zu meinen Kaugummis, wenn ich nur den Laden betrete. – Wenn das eine Weltreise bleiben soll, muss ich langsam weiterziehen. Buenos Aires umarmt mich inzwischen genau das Bisschen zu lange, als dass man uns beide noch als flüchtige Bekannte bezeichnen könnte. Aber da warten sehr, sehr bezaubernde Dinge, die mir dieser Kontinent auf dem Silbertablett zu servieren bereit ist, wenn ich den Kellner nur endlich heranwinke.

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Am Montag geht es also weiter. Und die nächsten Stationen lächeln mir vom anderen Ende des Raumes bereits so entwaffnend umwerfend zu, dass ich mich wahrscheinlich in zwei Wochen erneut in einen Ort verlieben werde. Für jemanden, der sich nur schwer verliebt, ist das ein reines Casanova-Dasein. Und bei jedem Verlieben, ist es immer ein Wenn-schon-nicht-für-immer-dann-wenigstens-auf-ewig-Gefühl.

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Dass man sich dermaßen reinstürzen kann in diese Liebe zur Reiserei, wird diesem neumodischen Internet hoch angerechnet. Denn ohne es hätte man verpasst, zu sehen, wie sich der Neffe neuerdings hochtalentiert vom Rücken auf den Bauch drehen kann. Diese Reise darf also weitergehen. Und alles, was ich tun muss, ist, erneut mein weniges (aber immernoch zu schweres) Hab und Gut in den Rucksack zu schmeißen und mich in den Bus zu setzen. Buenos Aires, ich habe nicht erwartet, dass du so ein feiner Kerl bist. Und nach Kapstadt bist du der erste, den ich irgendwann mal wieder besuche.

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Trostpflaster Pralinenschachtel

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Dieses Jahr ist Fußball-EM. Und ich werde in dieser Zeit irgendwo zwischen Kolumbien, Mexiko und den USA pendeln. Diese Tatsache fühlt sich seltsam an. Denn in den vergangenen Jahren habe ich einen enormen Fußball-Guck-Trikot-Trag-Schub nach vorn getan. Nicht zu vergessen die Tatsache, dass ich jede Tippspielteilnahme mit einem Platz auf dem Podest abgeschlossen habe. Außerdem sind an meine Fußball-Erinnerung eine Menge schöner Stunden mit guten Menschen im Stadion oder auf dem Balkon geheftet. In diesem Jahr wird das alles nun weit entfernt stattfinden und mir bleibt nur, in dieser Zeit Ausschau nach Kneipen zu halten, die um die Relevanz der EM wissen.

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Was mir aber auch bleibt, ist mir EM-Abstinenz-Ersatzspiele zu suchen. Perfekt dafür war das Spiel der Boca Juniors gegen Zamora. Und das in der legendären Bomboneria – der Pralinenschachtel.
Ich habe also ganz legal über einen Touranbieter ein Ticket gekauft und bin am Ende gefühlt schwarzmarktesk mit dem Club-Ausweis eines gewissen Christian Perez (mit dessen Passfoto ich nur das phänotypische Merkmal, zwei Augen zu besitzen, gemein habe) in das Stadion geschleust worden. Das Spiel allerdings war großartig. Als Fernsehkind ist man ja bekanntlich konditioniert auf visuelle und akustische Reizüberflutung. Und davon gab es mehr als genug. Bevor überhaupt irgendeiner einen Ball ins Spiel gebracht hat, wurde erst einmal eine Feuerwerk von Berliner Silvesterdimension abefackelt. Parallel wurden etwas 3 Tonnen Papierschnipsel in die Luft geschossen, die zwei Minuten später von einem Heer aus Laubpusterbeauftragten wieder vom Feld geweht wurden.

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Am Ende gab es tatsächlich noch das versprochene Fußballspiel. Und zu Beginn waren die Boca Juniors gar nicht mal so gut. Vielleicht gab es aber auch die interne Vereinbarung, dass der erste Torschütze eine Runde Quilmes für alle schmeißen muss. Die zweite Halbzeit hat uns dann aber zwei Tore geschenkt. Und eines davon, das von Riquelme, hat sogar die Kamera konserviert.

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Unterm Strich zählt wie so oft das, was man sieht wenn man sich vom Offensichtlichen abwendet. Und da sah man im Stadion atemberaubend ausdauernde Fans. Ich sah Opas, die 90 Minuten an der Stange gestützt auf- und absprangen und deren Augen zu denen eines Fünfjährigen wurden. Ich sah eine Wand aus Männern und Frauen, die ihre Stimmbänder aufs Äußerste gefordert hatten. Und ich sah mich, zufrieden und ein bisschen EM-Abstinenzentschädigt mit einem kleinen Tinitus nach Hause gehen.

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Zweite Haut – Buenos Aires

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Diese Stadt ist das entspannte Spiel zwischen den aufregenden Levels bei Super Mario. Man kann hier hervorragend Bonuspunkte sammeln. Buenos Aires fühlt sich derart gut an, als hätte jemand im Vorfeld meine Füße millimetergenau ausgemessen und mir ein paar Tage später maßgeschneidert Buenos Aires auf den Tisch gelegt. Hier kann man den Tag unheimlich gut in einem Tempo verbringen, bei dem sich selbst Schnecken verwundert zu einem nach hinten umdrehen. Diese Stadt besitzt so viele angenehme Stadtteile, durch die man ewig laufen könnte und dennoch hat man nicht alles entdeckt. San Telmo, Palermo, La Boca – Wessen Herz in Berlin-Kreuzberg zufrieden eine Flasche Bier aufmacht und im Hamburger Schanzenviertel vor lauter kreativem Kleister kleben bleibt, der überlegt sich in Buenos Aires zweimal, ob oder zumindest wann man der Stadt den Rücken kehrt.

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Und wieder schrauben neue Menschen die Farbsättigung der Eindrücke nach oben. Und es meisselt sich immer wieder ein breites Grinsen ins Gesicht, wenn man am anderen Ende der Welt Deutsche trifft, mit denen man so unverschämt auf einer Wellenlänge liegt, dass man, wäre man länger zusammengereist, wahrscheinlich irgendwann begonnen hätte synchron zu sprechen. Anke war so eine. Und allein zwei Tage haben für dieses Gefühl ausgereicht. Natürlich pendelt man auf so einer Reise immer zwischen dem Durch- und Unterstreichen von Vorurteilen. Man hat hier US-Amerikaner getroffen, deren Patriotismus einen ganzen Abend lang am Boden lag, als man ihre Illusion zerstören musste, dass Cheddar und Camembert eine Erfindung der USA seien. Wenn die selben Menschen dann auch noch das Recht, eine Waffe zu besitzen als Kriterium wirklicher Freiheit definieren, verspricht es, ein lebhafter Abend zu werden.

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Buenos Aires gibt mir also alles, was ich in diesen Tagen brauche: eine Wäscherei um die Ecke, gutes Steak, Empanadas, eines der besten und saubersten Hostels, die ich in meiner jungen Backpackerkarriere gesehen habe, Schönheit, die aus der Kreuzung von Anmut und Verfall entsteht, die liebgewonnene Instanz Siesta, Menschen, die Mundwinkel und Nerven stimulieren und ein Spiel der Boca-Juniors.

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Auf Ex

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Diese Reise ist ein bisschen, als würde man die Welt auf Ex trinken. Und ehrlich gesagt, muss ich das Glas immer wieder absetzen und Luft holen. Einem ist noch sehr verliebt schwindelig von Südafrika zumute und schon steht das nächste volle Glas auf der Theke. Und auch dieses Land hat es verdient, bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken zu werden.
Vielleicht muss man sich einfach daran gewöhnen, das Herz in kürzeren Abständen neu zu verschenken und sich den Kopf alle paar Wochen von einem anderen Land verdrehen zu lassen. Das hier ist nicht einmal Leiden auf hohem Niveau – Vielmehr ist es Leben auf hohem Niveau. Und die Sache ist die, dass die Frage nicht mehr ist: Ist das Glas halbvoll oder halbleer? – Es ist ohne Zweifel voll. Die neue Frage, die sich stellt: Wie viele volle Gläser in kurzen Abständen verträgt man eigentlich? Alles geht rasend schnell. Und wie nach einer langen Nacht in einer guten Bar mit einer sehr sehr langen Getränkekarte, fühlt es sich manchmal an, als hätte man zu schnell getrunken. Die Lösung ist selbstverständlich nicht aufzuhören zu trinken. Die Lösung ist, die Abstände etwas zu vergrößern und immer mal ein Glas Wasser einzuschieben.

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Heute wird der Barkeeper Brasilien von der Theke nehmen und mir breit grinsend ein Glas Argentinien rüberschieben. Und dieses Glas wird da erst einmal ein paar Wochen stehen. In den vergangenen Tagen wurde sich angemessen am Wasser gebaut von Brasilien verabschiedet. Und weil diese Reise wie eine Kerze an beiden Enden brennt, wurden die Iguacu-Wasserfälle sowohl von der brasilianischen als auch von der argentinischen Seite besucht. Und jeder, der hier einmal strandet, sollte sich die Zeit nehmen, sich beide Seiten anzuschauchen. Auch auf die Gefahr hin, dass man an den Ausflugstagen irgendwie ständig aufs Klo muss.

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Nun wartet aber erst einmal Buenos Aires. Und ich werde an diesem Wein mindestens zwei Wochen nippen. Denn mit dem schnellen Reisen ist es ein bisschen wie mit dem wild Durcheinandertrinken. Einzeln und mit etwas Pause getrunken, schmeckt alles irgendwie besser. Je besser die Getränke schmecken, desto länger sollte man fürs Austrinken brauchen.

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Rio und der Countdown

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Liebes Rio,
sportveranstaltungstechnisch gesehen, bist du das Streberkind in der globalen Klasse. Alle kugeln sich den Arm aus, um an die Tafel zu dürfen und die Eins abzugreifen. Und du kommst immer erst kurz nach Unterrichtsbeginn rhythmisch schlendernd in den Raum und schaust gedankenverloren aus dem Fenster. Trotzdem bekommst du alles, worum sich die anderen reißen. Erst die Fußball-WM und dann auch noch Olympia.

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Ach Rio, ich gönne es dir. Auch wenn für die Zuschauer die Zeitverschiebung und für die Sportler das Wetter einige Herausforderungen darstellt. Aber es lohnt sich, wenn die Menschen dich kennenlernen und die Gangstergeschichten über dich vielleicht in den Hintergrund rücken. Du hast immerhin viel zu bieten: Du kannst wahrscheinlich besser tanzen als alle anderen, die den Unterschied zwischen “gern” und “gut” tanzen nicht kennen. Bei dir friert man nie und du besitzt Strände, die andere blass vor Neid und rot vor lauter Sonne machen. In deiner Küche steht nicht nur Zucker im Regal sondern ein ganzer Zuckerhut. Und wo andere in einen Innenhof gucken, bietest du den Blick auf die alles bewachende Christusstatue.

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Weil du dir im Klaren bist, dass bald die ganze Welt dich mustert, versuchst du auch, deine Viertel sicherer zu machen. Denn du bist voller Kontraste. In den Favelas stehen die Männer mit Maschinengewehren und haben die Drogendealer vertrieben. Du versuchst sicherer zu werden, verschließt die Augen nicht und putzt dich heraus für den Besuch. Aber um eines Rio, wirst du nicht drumrum kommen. Wenn Menschen von allen Enden der Welt vor deiner Tür stehen werden, wird dein Portugiesisch nicht ausreichen. Ich mag deine Sprache, den Klang und die Melodie, die dabei immer summst, aber man lernt das nicht in vier Wochen WM oder zwei Wochen Olymipa. Aber wenn du dir ein paar Brocken Englisch draufschaffst, würden die Augen von vielen vor Dankbarkeit leuchten. Im Gegenzug ist sicher jeder bereit, ein bisschen von deiner Sprache mitzunehmen. Rio, bezieh schonmal die Gästebetten, die Bude wird voll werden. Schön, dass ich dich vor dem großen Anturm schon mal besuchen durfte. Obrigado.

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Seelen-Caipirinha

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Es gibt Momente, die sind zum Sterben schön. Denn jedes Mal stirbt durch sie ein Stück Grenze der Vorstellungskraft. Diese Momente sind wie Perlen und inzwischen habe ich keinen Zweifel mehr daran, dass ich mit einer ganzen Kette aus Perlen von dieser Reise zurückkehren werde. Noch viel berauschender ist es aber, wenn man das Glück hat, dabei zu sein, wenn so ein Moment gerade erst aus dem Nichts entsteht. Erst dann bekommt man eine Ahnung, wie wertvoll die Perle ist.

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Rio de Janeiro hat mir neulich eine dieser Perlen geschenkt. Nachdem ich schon tagelang mitten in der an beiden Dochtenden brennenden Innenstadt den Blick nicht von der über alles wachenden Christusstatue lassen konnte, bin ich dort hochgefahren. Und direkt davor stehend, habe ich nichts außer Weiß gesehen – Nebel, der nicht im Traum daran dachte, sich zu verziehen. Ich hatte dort oben 30 Minuten Zeit um den Christus aus der Nähe zu sehen. Der Nebel hatte alle Zeit der Welt.

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Und dann nach 20 Minuten hat es die Sonne gut mit uns Touristen gemeint und sich durchgekämpft. Und aus dem Weiß wuchtet sich eine Silhouette, die so erhaben ist, dass sie die Seele stampft wie Caipirinha. Mit einem Mixtape aus Ahhh-Rufen, Johlen, Applaus und Kameragewitter im Ohr wird dann die gesamte Figur sichtbar und die Augen werden so groß, dass auch Menschen mit Sehschwäche in ihnen problemlos das Wort Weltwunder ablesen können. Für jemanden, an dessen Herzinnenwand bisher keine Religion geschrieben steht, ist dieses Gefühl wohl das maximal Erreichbare.

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Diese Reise meint es gut mit mir und ständig gibt sie mir das Gefühl genau jetzt am richtigen Ort zu sein. Und das ist so wichtig, wenn man wie ein orientierungsloses Blatt durch die Straßen, Strände und Berge der Kontinente weht. Alles, was ich tun muss, ist sämtliche Sinne und deren Königin, das Herz, stets weit offen zu halten und ihre Ladenschlusszeiten abzuschaffen.

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