Trostpflaster Pralinenschachtel

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Dieses Jahr ist Fußball-EM. Und ich werde in dieser Zeit irgendwo zwischen Kolumbien, Mexiko und den USA pendeln. Diese Tatsache fühlt sich seltsam an. Denn in den vergangenen Jahren habe ich einen enormen Fußball-Guck-Trikot-Trag-Schub nach vorn getan. Nicht zu vergessen die Tatsache, dass ich jede Tippspielteilnahme mit einem Platz auf dem Podest abgeschlossen habe. Außerdem sind an meine Fußball-Erinnerung eine Menge schöner Stunden mit guten Menschen im Stadion oder auf dem Balkon geheftet. In diesem Jahr wird das alles nun weit entfernt stattfinden und mir bleibt nur, in dieser Zeit Ausschau nach Kneipen zu halten, die um die Relevanz der EM wissen.

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Was mir aber auch bleibt, ist mir EM-Abstinenz-Ersatzspiele zu suchen. Perfekt dafür war das Spiel der Boca Juniors gegen Zamora. Und das in der legendären Bomboneria – der Pralinenschachtel.
Ich habe also ganz legal über einen Touranbieter ein Ticket gekauft und bin am Ende gefühlt schwarzmarktesk mit dem Club-Ausweis eines gewissen Christian Perez (mit dessen Passfoto ich nur das phänotypische Merkmal, zwei Augen zu besitzen, gemein habe) in das Stadion geschleust worden. Das Spiel allerdings war großartig. Als Fernsehkind ist man ja bekanntlich konditioniert auf visuelle und akustische Reizüberflutung. Und davon gab es mehr als genug. Bevor überhaupt irgendeiner einen Ball ins Spiel gebracht hat, wurde erst einmal eine Feuerwerk von Berliner Silvesterdimension abefackelt. Parallel wurden etwas 3 Tonnen Papierschnipsel in die Luft geschossen, die zwei Minuten später von einem Heer aus Laubpusterbeauftragten wieder vom Feld geweht wurden.

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Am Ende gab es tatsächlich noch das versprochene Fußballspiel. Und zu Beginn waren die Boca Juniors gar nicht mal so gut. Vielleicht gab es aber auch die interne Vereinbarung, dass der erste Torschütze eine Runde Quilmes für alle schmeißen muss. Die zweite Halbzeit hat uns dann aber zwei Tore geschenkt. Und eines davon, das von Riquelme, hat sogar die Kamera konserviert.

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Unterm Strich zählt wie so oft das, was man sieht wenn man sich vom Offensichtlichen abwendet. Und da sah man im Stadion atemberaubend ausdauernde Fans. Ich sah Opas, die 90 Minuten an der Stange gestützt auf- und absprangen und deren Augen zu denen eines Fünfjährigen wurden. Ich sah eine Wand aus Männern und Frauen, die ihre Stimmbänder aufs Äußerste gefordert hatten. Und ich sah mich, zufrieden und ein bisschen EM-Abstinenzentschädigt mit einem kleinen Tinitus nach Hause gehen.

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