Vorgenommene Unvoreingenommenheit

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Kambodscha. Je länger man durch Asien reist, desto dicker wird die Kontur dieses allgegenwärtigen „same same but different“. Bei Kambodscha liegt die Betonung allerdings auf „different“. Siem Reap ist dabei der touristische Ballermann des Landes. Sobald man rauskommt aus dem Backpacker-Pampers-Gebiet, haut einem Kambodscha das echte Land um die Ohren. Auf den Strassen rollen Busse, die in Deutschland dank TÜV schon gänzlich verrottet wären und hupen sich den Weg in die kleinen Orte frei. Und sobald man auch diesen Städtchen mal die kalte Schulter zeigt, wird einem ganz warm ums Herz. Reisfelder, rote Erde, Märkte, auf denen man den Mund offenstehen hat, auch wenn man den wegen der Fliegen lieber schliessen sollte.

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Man vergleicht Länder eigentlich nicht. Das hat man gelernt. Es wird dankend angenommen, was einem ein Land anzubieten bereit ist. Das ist die Liebe zum Reisen, die Bereitschaft zum Hineinfallen, die vorgenommene Unvoreingenommenheit. Man ist nicht verliebt in Perfektion und Berechenbarkeit. Beides ist das Gegenteil vom Reisen. Und genau das macht den Zauber.

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Kambodscha jedenfalls hat den Schwamm mit all seinem roten Staub in der Luft, den Kühen am Wegesrand, den im gewässerten Reisfeld badenden Kindern, dem guten Essen und Angkor Wat wieder ein wenig schwerer gemacht. Ob der Schwamm nach 15 Ländern noch aufsaugen kann? – Es gibt Tage, da muss erstmal liegengelassen, in der Sonne getrocknet werden. Und dann passiert, was man vielleicht erst erfährt wenn Reisen zum Alltag wird: Der Schwamm wächst und wächst und dann ist wieder Platz für neue Wunder. Und es fühlt sich noch immer so an, als könnte es noch ewig so weitergehen.

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Man bleibt hungrig. Man will noch dankbarer, demütiger, bescheidener, reich an Geschichten und Erinnerungen werden. Man muss. Und der Magen knurrt wieder. Und diesmal so sehr wie lange nicht. Denn in ein paar Tagen legt man sich, den Kopf, das Herz, den Magen und den Geist in die Hände eines Landes, welches als erstes auf der Liste stand, als man damals beschlossen hat, den Traum in Zement zu giessen. Man ist so aufgeregt wie ein kleines Kind, dass am 24.12. durchs Schlüsselloch lunzt. Man meint eine Ahnung zu haben, was einen erwartet, im Positiven wie Negativen. Und natürlich weiss man, dass man eigentlich keinen blassen Schimmer hat und dass einem dieses Land jede Erwartung links und rechts um die Ohren haut. Und da ist sie wieder, die Liebe zum Reisen und die Bereitschaft, sich von Ländern all seine Vorurteile, Hoffnungen und Befürchtungen in Grund und Boden stampfen zu lassen. Indien, ich bin bereit dafür.

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Ohne Zeiger und Zahlen

Neues Jahr also. Irgendwie ist man den Zeitzonenwechsel und das damit verbundene Hinterherhinken der Seele gewohnt. Und man mag es sogar sehr, dieses Dasein ohne Spiegelbild in den ersten Tagen wenn man nach einem Flug irgendwo angespült wird, dieses Rumlaufen ohne Kompass und Ziel. Aber Weihnachten und Silvester war in diesem Jahr nicht nur eine andere Zeitzone. Man war out of space.

Die Zeit war spendabel und hat einen Flug von Saigon nach Bali inklusive Flughafennacht in Singapur mit dem Herunterfallen von Zeiger und Zahlen belohnt. Auf Bali gab es keine Zeit und es gibt auch keine Worte. Man könnte nun Frühstück am Strand, Weihnachtsdeko in der Hitze, breites Grinsen in jedem Gesicht und grossartiges Essen anführen, aber das ist nur ein Bruchteil dessen, was zu beschreiben wäre. Sogar alle Zutaten für Kartoffelsalat mit Würstchen hat diese Insel bereitgehalten. Und jeder Tag war in einer Vollständigkeit ohne Fussnote perfekt, dass man eigentlich 10 schlechte Weihnachten befürchten müsste.

Und Silvester in Singapur, diese Tage haben einen selbst mit dieser Stadt versoehnt. Man hat Ecken gefunden, die einen diese Stadt mehr mögen lassen als man es beim ersten Aufenthalt vermutet hat. Besuch aus Deutschland, Naan und Butter Chicken in Little India, das Feuerwerk. Und allem voran diese Hand in meiner. Und diese Zeit schlägt hohe Wellen, die bis nach Deutschland und vor allem in mein Rückgrat reichen. Da war mächtig viel los in Kopf und Herz und ist es immernoch. Kaum Zeit zum Konservieren von Momenten, die sich ohnehin nur in blasser Kopie festhalten lassen; als gäbe es einfach nicht genug Druckerfarbe im Kopierer um das alles wiederzugeben. Und alles, was diese Tage noch am ehesten im Bild reflektieren kann, ist dieses Grinsen im Gesicht, welches man in 27 Jahren selten im Spiegel entdeckt hat.