India – Die Hand auf der Herdplatte

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Indien. Die Hand auf der Herdplatte, der 10-Meter-Turm im Schwimmbad, der Rock-Olymp für den Backpacker. Indien ist Kopf oder Zahl. Man trifft selten Menschen, die dieses Land bereist haben und beim Erzählen davon gelangweilt am Tischdeckenbeschwererobst puhlen.

Indien fühlt sich erst einmal wie ein Kampf an. Kampf gegen ein Heer von Bettwanzen in Nachtbus, Kampf für den Magen, denn im Wesentlichen haben 90 Prozent der Lebensmittel hier die Blütezeit ihrer offiziellen Haltbarkeit seit mehreren Monaten hinter sich. Indien ist vor allem aber ein Kampf mit sich selbst und der im bisherigen Leben erworbenen Bequemlichkeit und Gewöhnung an ein Grundmass an Ordnung. Indien zerschlägt all das wie eine Abrissbirne in Kleinteile oder direkt zu Schutt und Asche.
Und irgendwann kommt man an den Punkt an dem man das Land mit wehenden Fahnen, tiefem erleichteren Einatmen verlässt. Oder aber: man bleibt und springt ins Chaos. Wenn man aufhört dagegen anzuschwimmen, treibt einen Indien wie Strandgut vorbei an Plätze, die einen die Augen mit Tränen und die Taschen mit Bergen von Erfahrung füllen.

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Indien, das ist Aufspringen auf fahrende Nachtbusse und Abspringen von rollenden Zügen, inklusive Fall auf den Bahnsteig. Indien bedeutet vor allem auch selbst zur Sehenswürdigkeit zu werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind auf den Kameras indischer Männer mehr Fotos von einem selbst als auf der eigenen. Und man kann es versuchen, aber übel nehmen, kann man den Indern wenig. Spätestens wenn sie beim Feilschen nach zehn Minuten Debattieren über „Good Luck“ kapitulieren und sich mit diesem atemberaubenden, herzerwärmenden Kopfwiegen mit dem Preis einverstanden erklären, möchte man sie gern auf einen Chai einladen und sogar mehr als vereinbart bezahlen.

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Indien lädt einen gern auf Butter Chicken und Roti ein, aber die Regeln macht der Gastgeber. Indien tut den Teufel und richtet sich auf Touristen ein. Sobald man in einem kleinen Dorf aufschlägt, wird die Suche nach Geldautomaten, Gehwegen, Wasser, Kaffee und für den europäischen Mimosenmagen verträgliches Essen zur Tagesaufgabe. Doch Indien tut gut daran. Ich: Gast hier. Ich gehöre hier nicht hin. Ich darf hier nur mal reinschnuppern. Indien ist Original, keine backpackereske Lonely Planet Pampers, die sicherstellt, dass nichts daneben geht.

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Indien ist ein Land, es ist aber vor allem eine andere Welt. Wenn man alle Lasten, die die Gewöhnung an Bequemlichkeit mit sich bringt abwirft, wird der Türschlitz Indien dann immer grösser. Man kommt an Orte wie Munnar, die einen erstmal nur wegen der Temperaturunterschiede bei der Ankunft nachts Gänse auf die Haut treiben. Recherche macht klug. Und Flip Flops noch keinen Sommer. Und dann am nächsten Morgen findet man sich wieder auf Märkten voller Gewürze, die der Nase Flügel verleihen. Und die Landschaft aus Teeplantagen und Bergen straft die herkömmliche Farbpalette Lügen.
Der Nachtzug nach Goa schenkt einem dann neben einer ausgewachsenen Erkältung und Schlafmangel auch Geschichten, die einem selbst keine noch so gute Doku bieten kann. Vor allem aber beginnt man den Menschen hier näher zu kommen. Manchmal auch näher als einem lieb ist. Aber Augen, Füsse, Nase und Herz gewöhnen sich an alles. Zwei Schwestern und ihre Nichte fahren nach Mumbai zu einer Familienhochzeit und haben Verpflegung für drei Wochen und gefühlte 300 Mäuler dabei, unsere inklusive. Wer nicht schläft, bekommt selbstgemachte Kartoffelchips, Zwiebelringe, Bananenchips, heisses Wasser und Milchreiskuchen angeboten. Und immer läuft es gleich ab: freunliches Ablehnen, sie bestehen aber darauf, denn man hat sie vorher auf einen Chai eingeladen, man greift also bescheiden zwei Stücke heraus, woraufhin einem freundlich aber bestimmt die gesamte Hand mit dem Essen vollgeladen wird. Wenn man Glück hat, schmeckt es, wenn nicht, lächelt man mutig, versucht sich im indischen Kopfwiegen und konzentriert sich darauf, ein Stück nach dem anderen in Richtung Magen zu lotsen. Wer schläft, kann einen der Gänge nur verzögern, nicht aber umgehen. Denn sobald ein Auge geöffnet ist, bekommt man das verpasste Essen umgehend auf die Hand geladen. Das ist Indien. Das macht die Liebe aus.

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Angekommen in Goa dehnt sich die Zeit wie guter Kaugummi. Wenn man es nicht besser wüsste, man könnte vermuten, die Menschen laufen nicht nur langsam sondern rückwärts. Und man selbst befindet sich umgehend in diesem Modus. 50 Meter zum Strand werden zum Tagesausflug und die Luft ist geschwängert mit rotem Staub, Kuhmist, Grasgeruch und dem Glauben an den Zen. Wenn man hier nicht gerade die erste Yogastunde nimmt, die phantastischen Flohmärkte leerkauft oder wegen besagtem Mimosenmagen mit Fieber im Bett liegt, macht man in erster Linie Nichts. Und das ist grosses Kino. Denn jeder macht hier nichts. Und das ist hier eine Menge.

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Wenn man dann ins kochende Mumbai fällt, wird das Hotelzimmer zur Insel. Sobald man aber auf der Strasse steht, brennen die Sicherungen durch. Der Strassenverkehr, das ewige Feilschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen. Und nachdem der Magen erst sehr verliebt in die Namen von Gerichten wie Tikka Masala, Naan und Dosa war, zieht einen der Überlebenswille nach zahllosen Magenkrämpfen erstmal zu Fast Food Ketten, die an Orten wie diesen und in Momenten wie diesen von der Mageninnenwand vergöttert werden. Der Körper ist geschwächt. Der Magen wird Kompass.

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Und die Klamotten, vollgesaugt mit Staub und Gerüchen von Müll, Urin und Nachtbussen, wollen gewaschen werden. In Mumbai passiert das in der grössten Laundry der Welt. Mehr als 1 Million Teile werden hier täglich in Betonwannen per Hand gereinigt. Und wenn man einmal die über Jahrzehnte bei dieser Arbeit aufgeweichten Füsse des 75-Jährigen Arbeiters gesehen hat, stellt sich nicht die Frage ob ein Jahreslohn von rund 650Euro angemessen ist.

Indien tut weh und Indien schlägt einen ins Gesicht. Indien ist die Hand auf der Herdplatte – Man kann sich die Finger hier mächtig verbrennen, aber in jedem Fall lernt man dabei Dinge, die einen kein anderes Land lehrt. Und wenn man sich darin übt, nicht nur zu sehen sondern auch zu erkennen, schenkt Indien einem dieses entwaffnende Kopfwiegen und diese Geschichten, die einen beten lassen, jedes Detail bis zum letzten Tag nicht zu vergessen.

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7 thoughts on “India – Die Hand auf der Herdplatte”

  1. Die Fotos sind fantastisch und deine Erzählungen zeigen wie die Reise dich verändert. Du schreibst mit so viel Gefühl und Nähe, dass einem ganz warm ums Herz wird und man sich wünscht, ähnliche Reisen und Erfahrungen zu machen.
    Eine gute Weiterreise wünscht Euch Deine MOM.

    1. @Mom: Dankeschoen! Das Herz haelt den Stift beim Schreiben. LOVE

      @Mambo: Ja, Indien und Internet ist so ne Sache. Fast ein Monat Blogabstinenz.. Jetzt wurde mal drei Tage tiefer in die Tasche gegriffen um Wifi zu haben. Freut mich, dass du geduldig warst und dass sich das gelohnt hat!

  2. Endlich wieder Lesestoff und dann von meinem Lieblingsland. Deine vielen Vergleiche und Umschreibungen sagen genau das aus, was Indien für mich ist. Da hat sich das Warten gelohnt. DANKE

  3. Das kann ich nur bestätigen. Für Indien braucht man Zeit, viel Zeit. Nach einem Monat kommt die Krise, vielleicht auch schon früher. Man will einfach nur noch weg. Und wenn man dann diesem Gefühl nachgibt, wird man wohl nie wieder zurückkehren. Doch wenn man bleibt und sich damit abzufinden beginnt, dass Indien eben wirklich “amazing” ist, dann beginnt das Reisen plötzlich Spass zu machen. Ich bin auf alle Fälle sehr froh, dass ich nicht aufgegeben habe und drei Monate geblieben bin.

  4. Großartiger Text! Indien übt auf mich eine riesige Faszination aus, eigentlich schon seit meiner Schulzeit, aber gleichzeitig schreckt es mich auch irgendwie ab (vielleicht war ich deshalb noch nie da?). Es ist, wie Du sagst: die Hand auf der Herdplatte. Nur, dass ich jetzt schon weiß, dass ich sie verbrennen werde. Aber ich glaub ich bin jetzt bereit und nehm die Schmerzen bald in Kauf! 😉 Ich bin jedenfalls gespannt, ob Du weiterreisen wirst – und weiterbloggen. Ich hoffe es!

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