Zwischen Schock und Schönheit

Da sitzen sie aneinandergereiht wie Vögel auf der Leitung. Und es werden mehr und mehr. Hunderte Inder hocken auf den Bahngleisen, manche in Gruppen, manche mit Zigarette im Mundwinkel und verrichten wie selbstverständlich ihr grosses Geschäft. Es ist sieben Uhr morgens und der Nachtzug rollt langsam im Bahnhof von Agra ein. Nun, ganz so hat man sich die Ankunft in der Stadt, die mit dem Taj Mahal auftrumpfen kann, nicht vorgestellt. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der die Inder kollektiv am frühen Morgen auf den Gleisen hockend kacken, erdet den Ort doch irgendwie ganz unerwartet: Taj Mahal hin oder her – Agra ist auch nur ein Ort, in dem mit Wasser gekocht wird. Und wieder hat mich Indien kalt erwischt. Man staunt aus Schock, nicht wegen Schönheit. Immer wenn man das eine erwartet, knallt einem Indien das andere vor den Latz.

Die Sonne zieht gerade wieder einmal vom Leder und taucht die Hausfassaden in kitschig schönes Orange. Die Nacht zuvor wurde im Zug mit geöffnetem Fenster und daher auch mit geöffneten Augen verbracht. Der Fensterriegel hat geklemmt und man selbst gezittert. Wenn man es nicht den hier onminpräsenten russischen Touristen gleich getan und sich die beissende Kälte ab und zu mit einem Schluck Hochprozentigem vom Leib gehalten hätte, würde man wahrscheinlich weinen statt schmunzeln. Agra also, Taj Mahal. Dass man hier nach einem Jahr tatsächlich ankommt, macht einen bereits sentimental genug um dem Rikschafahrer ein unangemessen hohes Trinkgeld zu geben. Der widerum nimmt das natürlich zufrieden kopfwiegend an.

Mit der ersten Luft Agras in den Lungen, scannen die Augen jede Häuserschlucht und jeden Dachterassenhorizont nach dem Kunstwerk ab, für das der simple Begriff Gebäude eine Beleidigung ist. Der Taj Mahal ist die Miss Universum im weltweiten Schönheitswettbewerb der Bauwerke. Nach dem Einchecken erlöst einen dann die hoteleigene Dachterasse von der Sucherei. Man hebt den Blick von den mit Rikschas vollgestopften Strassen, vorbei an den maroden Dächern Agras, auf denen Kinder spielen und Frauen nasse Wäsche zum Trocknen aufhängen und dann ragt da dieses Bauwerk am Ende der Häuserreihe wie ein alter Baum empor – der Taj Mahal. Und irgendwie arbeiten Indien und die dortige negativrekordverdächtige Luftverschmutzung für die 1001-Nacht-Gefühlsduseligkeit. Denn in so ein Gemisch aus Smog und Nebel gehüllt, wirkt der Taj wie aus einer goldenen Flasche aufgestiegen an der man gerieben hat. Für heute ist man schon zufrieden mit dem Tag, der Welt – ein Auge auf den Taj geworfen, eine heisse Dusche, Käse-Omelett mit Chai und ein sauberes Bett nach einer schlaflosen Nacht im Zug.

Am nächsten Morgen ist man ein kleines Kind, dass an Weihnachten nachmittags aufgeregt durchs Schlüsselloch lunzt und nervös im Kinderzimmer hin und her rennt. Der Taj Mahal. – Man weiss ja inzwischen wie so eine Reise zu weltberümten Sehenswürdigkeiten enden kann. Manchmal sind weltbekannte Tempelanlagen nur noch alte Steine und Traumstrände entpuppen sich als Mülldeponien. Beim Taj Mahal war man aber nie dazu bereit, zur Schadensbegrenzung die eigene Erwartungshaltung vorsorglich tief zu stapeln. Und man hat richtig daran getan.

Denn selbst die Horden herumwuselnder Kamerabehangener Touristen tun der Märchen-Credibility des Taj Mahal keinen Abbruch. Und so läuft man mit offenem Mund um dieses in den Himmel gemalte Wunder und kann nicht aufhören, es anzustarren. Wenn man den Taj Mahal einmal im Leben gesehen hat, fängt man wohl jedes Mal wenn man davon erzählt unweigerlich an, ein bisschen Pippi in den Augen zu haben. Man hat Indien nicht wirklich gesehen, wenn man nur den Taj Mahal gesehen. Man hat es aber auch nicht wirklich gesehen, wenn man ohne eine dieses Erlebnis wieder abreist.

Neugier frisst Vernunft

Die Maha Kumbh Mela.- Das ist kein indisches Dessert, kein indischer Tanz und kene Kosename für die heiligen Kühe. Die Maha Kumbh Mela ist der Jumbo-Popkorneimer unter den religiösen Festen auf diesem Planeten. Jedes noch so grosse Musikfestival wirkt mit seinen Dixieklos und Zweimannzelten dagegen wie ein Wohnzimmerkonzertchen. Nur alle zwölf Jahre findet dieser religiöse Massenmagnet statt. An manchen Tagen pilgern dann bis zu 30 Millionen Hindus in die nordindische Stadt Allahabad. Was man sich dabei gedacht hat, dort hinzufahren? Die Antwort liegt nahe: absolut nichts.

Das Abenteuer beginnt bei der Anreise. Mit seinem Gepäck in den Zug zu kommen, grenzt an einen Lottogewinn. Die Menschen schieben und drücken, treten und quetschen so kompromisslos, dass man durchaus sein Leben in kurzen Sequenzen vor seinem inneren Auge vorbeiziehen sieht. Dieses leise theatralische Gleiten in die Bewusstlosigkeit wird aber immer wieder von der Angst und Panik gefressen, dass das hier ernsthaft gefährlich werden könnte. Ja, man kennt die Berichte aus vergangenen Jahren. Aber man ist auch neugierig und diese Neugier treibt einen manchmal an Orte, die man lieber auf der sicheren Seite der Flimmerkiste beobachten sollte.

Nach einigen Minuten ist es dann doch geschafft, man sitzt im Zug nach Allahabad. Nun, man kann es nicht sitzen nennen. Vielmehr verharrt man stundenlang in einer Position, in der man wahrscheinlich in Handgepäcktrolleys passen würde. Denn jedes Zugabteil ist an diesem Tag eine Sardinendose für Menschen. Wir sitzen vielmehr aufeinander als nebeneinander. Hier tauscht man nicht flüchtige Blicke, hier tauscht man Lebensgeschichten, mitgebrachtes Essen, Körpergerüche und leider auch Krankheiten. Die Sache muss Hand und Fuss haben, denn Englisch sprechen nur wenige Inder in diesem Abteil. Auf bis zu drei Ebenen quetschen sich Menschen auf die Sitze. Hornhäutige Füsse, bunte Saris, Reispudding in Schalen, Uringeruch in der Luft. Und dann passiert, was passieren muss: Der Zug hält mitten im Nirgendwo. Und das bleibt erstmal so. Für Minuten, die leider nicht nur gefühlt zu Stunden werden. Viele Inder schwingen ihr Gepäck auf den Kopf und machen sich zu Fuss auf den Weg nach Allahabad. Alle Touristen, meint genau uns zwei, und schwerer bepackte Inder bleiben im Zug und warten, warten, warten. Manche schlafen im Stehen, andere vertreiben sich die Zeit indem sie das Ende von kleinen Stöcken zerfransen und sich damit die Zähne putzen.

In Allahabad angekommen, wird der eigene Horizont, was die Vorstellungskraft beim Wort Menschenmassen anbelangt ins Unendliche gebogen. Menschen quetschen sich mit Kindern und Koffern vom Bahnsteig auf die schmale Treppe, die zum Ausgang führt. Heute kann sie aber auch zu Schlägen oder Quetschungen führen. Denn am Ausgang versuchen die Polizisten ihre Überforderung und die Menschenmenge mit Holzstöcken unter Kontrolle zu bekommen. Gut, dass man erst im Nachhinein erfahren hat, dass an einem Bahnausgang wie diesem, am selben Tag mehrere Menschen in Allahabad gestorben sind. Jetzt und hier gibt es kein Zurück, nur die Chance auf ein unbeschadetes Vor. Wir sind Touristen und sehen wie welche aus. Das hilft dabei, am Ende der Treppe nur mit neugierigen Blicken statt mit Stöcken begrüsst zu werden. Man steigt über Berge von zur Seite gekehrten, verloren gegangenen Schuhen und bleibt an der ersten Ecke stehen, in der nicht gefühlte 500 fremde Arme die eigenen berühren. Atmen. – Und man denkt: Schön, dass man das noch kann.
Das nächste, was einem der Körper befielt, ist der direkte Weg über Los zum Hotel. Eine Rikscha trägt uns weg vom chaotischen Menschenmikado. Der Lärm wird dumpf, die Ohren suhlen sich in der plötzlichen Stille wie Säue im Schlamm.

Der Abend verbeisst sich in Fragen wie ein Dackel in Waden: Was zum Teufel treibt man hier? Und kann es sein, dass man hier gerade sein Leben irrtümlich riskiert hat? Die Antwort darauf, was all die anderen hier treiben und vor allem warum, ist einfach. Bei der Anreise nehmen sie den Tod im Diesseits in Kauf. Ihre Absichten sich langfristiger angelegt. Denn für sie bietet dieses Wallfahrtsfest die Chance auf Unsterblichkeit.
Aber man selbst? Man wollte eigentlich „nur mal gucken“, weil die Chancen, so etwas einmal im Leben zu sehen irgendwo zwischen unwahrscheinlich und utopisch liegen. Und das Reisen ernährt sich doch von sowas. Man ist hungrig. Immernoch. Die sichere Höhle Hotelzimmer macht einen über Nacht wieder neugierig.

Am Morgen poltert uns die Fahrrad-Rikscha in Richtung Kumbh Mela. Allahabad platzt aus allen Nähten. Wenn man genau hinhört kann man diese Nähte sogar platzen hören. Obst- und Gemüsehändler pressen sich vorbei an den zahllosen Rikschas, die sich pausenlos hupend ihren Weg durch die holprigen Strassen bahnen. Am Busbahnhof stapeln sich die Reisebusse. Und noch immer erreichen weitere Busse im Minutentakt den Wallfahrtsort für alle Hindus in Indien. Und jedesmal steigen weit mehr Menschen aus den Bussen, als dieser Sitzplätze besitzt. Die Sonne beginnt die bröckelnden Hausfassaden in glühendes Orange hüllen und die mit Staub und Dreck geschwängerte Luft langsam zu erwärmen. Wenn man sich hier die Nase putzt, ist das Taschentuch schwarz. An die Farbe der Lunge mag man nicht denken.

Die Strasse zur Kumbh wird zum Spiegel Indiens. Tausende Menschen bahnen sich ihren Weg Richtung Unsterblichkeit. Jene, die es sich leisten können, hüllen ihre Körper in traditionelle religiöse Kleidung, die Frauen tragen ihre buntesten Saris. Männer reiten auf dürren Eseln und Pferden Richtung Unsterblichkeit. Andere balancieren auf ihren Köpfen Gepäck. Blinde werden von Fremden helfend an die Hand genommen, Alte, deren Rücken von einem harten Leben voller Entbehrungen gezeichnet und gekrümmt ist, schleppen sich mit letzten Kräften zum Wasser und Menschen ohne Beine kriechen in der Menschenmenge langsam aber unbeirrbar voran. Ab und zu teilt ein Auto die Masse in zwei Hälften. Unmittelbar danach schliesst sich die Lücke wieder und die Menschenmenge wird wieder zur Einheit.

Während wir das alles sehen, meinen wir zu verstehen, aber natürlich haben wir nicht die leiseste Ahnung. Die meisten Menschen hier haben nichts, ausser ihren Glauben und in diesem Moment gehören sie damit zu den Reichsten hier. An den heiligen Flüssen angekommen, beginnt die Masse mit dem Bad in genau dem Wasser, das man selbst nur aus Berichten über Abwässer und Seebestattungen kennt. Heilig soll es sein, das Wasser. Die Menschen baden darin, Kinder spielen darin, Männer trinken davon, Frauen füllen sich die vermeintliche Unsterblichkeit literweise in Flaschen ab. Man hadert. Aber wo man schonmal hier ist, ohnehin seit einem Jahr regelmässig gesegnet mit kleineren und grösseren Magenproblemen, dippt man die Füsse ins Wasser. Tausche Gesundheit gegen womögliche Unsterblichkeit. Deal.
Und was am Ende bleibt: keine Krankheit trotz Bad im Ganges und eine unglaubliche Geschichte, die sich im Kopf festgesetzt hat, wie der Staub Allahabads in den Atemwegen.