Neugier frisst Vernunft

Die Maha Kumbh Mela.- Das ist kein indisches Dessert, kein indischer Tanz und kene Kosename für die heiligen Kühe. Die Maha Kumbh Mela ist der Jumbo-Popkorneimer unter den religiösen Festen auf diesem Planeten. Jedes noch so grosse Musikfestival wirkt mit seinen Dixieklos und Zweimannzelten dagegen wie ein Wohnzimmerkonzertchen. Nur alle zwölf Jahre findet dieser religiöse Massenmagnet statt. An manchen Tagen pilgern dann bis zu 30 Millionen Hindus in die nordindische Stadt Allahabad. Was man sich dabei gedacht hat, dort hinzufahren? Die Antwort liegt nahe: absolut nichts.

Das Abenteuer beginnt bei der Anreise. Mit seinem Gepäck in den Zug zu kommen, grenzt an einen Lottogewinn. Die Menschen schieben und drücken, treten und quetschen so kompromisslos, dass man durchaus sein Leben in kurzen Sequenzen vor seinem inneren Auge vorbeiziehen sieht. Dieses leise theatralische Gleiten in die Bewusstlosigkeit wird aber immer wieder von der Angst und Panik gefressen, dass das hier ernsthaft gefährlich werden könnte. Ja, man kennt die Berichte aus vergangenen Jahren. Aber man ist auch neugierig und diese Neugier treibt einen manchmal an Orte, die man lieber auf der sicheren Seite der Flimmerkiste beobachten sollte.

Nach einigen Minuten ist es dann doch geschafft, man sitzt im Zug nach Allahabad. Nun, man kann es nicht sitzen nennen. Vielmehr verharrt man stundenlang in einer Position, in der man wahrscheinlich in Handgepäcktrolleys passen würde. Denn jedes Zugabteil ist an diesem Tag eine Sardinendose für Menschen. Wir sitzen vielmehr aufeinander als nebeneinander. Hier tauscht man nicht flüchtige Blicke, hier tauscht man Lebensgeschichten, mitgebrachtes Essen, Körpergerüche und leider auch Krankheiten. Die Sache muss Hand und Fuss haben, denn Englisch sprechen nur wenige Inder in diesem Abteil. Auf bis zu drei Ebenen quetschen sich Menschen auf die Sitze. Hornhäutige Füsse, bunte Saris, Reispudding in Schalen, Uringeruch in der Luft. Und dann passiert, was passieren muss: Der Zug hält mitten im Nirgendwo. Und das bleibt erstmal so. Für Minuten, die leider nicht nur gefühlt zu Stunden werden. Viele Inder schwingen ihr Gepäck auf den Kopf und machen sich zu Fuss auf den Weg nach Allahabad. Alle Touristen, meint genau uns zwei, und schwerer bepackte Inder bleiben im Zug und warten, warten, warten. Manche schlafen im Stehen, andere vertreiben sich die Zeit indem sie das Ende von kleinen Stöcken zerfransen und sich damit die Zähne putzen.

In Allahabad angekommen, wird der eigene Horizont, was die Vorstellungskraft beim Wort Menschenmassen anbelangt ins Unendliche gebogen. Menschen quetschen sich mit Kindern und Koffern vom Bahnsteig auf die schmale Treppe, die zum Ausgang führt. Heute kann sie aber auch zu Schlägen oder Quetschungen führen. Denn am Ausgang versuchen die Polizisten ihre Überforderung und die Menschenmenge mit Holzstöcken unter Kontrolle zu bekommen. Gut, dass man erst im Nachhinein erfahren hat, dass an einem Bahnausgang wie diesem, am selben Tag mehrere Menschen in Allahabad gestorben sind. Jetzt und hier gibt es kein Zurück, nur die Chance auf ein unbeschadetes Vor. Wir sind Touristen und sehen wie welche aus. Das hilft dabei, am Ende der Treppe nur mit neugierigen Blicken statt mit Stöcken begrüsst zu werden. Man steigt über Berge von zur Seite gekehrten, verloren gegangenen Schuhen und bleibt an der ersten Ecke stehen, in der nicht gefühlte 500 fremde Arme die eigenen berühren. Atmen. – Und man denkt: Schön, dass man das noch kann.
Das nächste, was einem der Körper befielt, ist der direkte Weg über Los zum Hotel. Eine Rikscha trägt uns weg vom chaotischen Menschenmikado. Der Lärm wird dumpf, die Ohren suhlen sich in der plötzlichen Stille wie Säue im Schlamm.

Der Abend verbeisst sich in Fragen wie ein Dackel in Waden: Was zum Teufel treibt man hier? Und kann es sein, dass man hier gerade sein Leben irrtümlich riskiert hat? Die Antwort darauf, was all die anderen hier treiben und vor allem warum, ist einfach. Bei der Anreise nehmen sie den Tod im Diesseits in Kauf. Ihre Absichten sich langfristiger angelegt. Denn für sie bietet dieses Wallfahrtsfest die Chance auf Unsterblichkeit.
Aber man selbst? Man wollte eigentlich „nur mal gucken“, weil die Chancen, so etwas einmal im Leben zu sehen irgendwo zwischen unwahrscheinlich und utopisch liegen. Und das Reisen ernährt sich doch von sowas. Man ist hungrig. Immernoch. Die sichere Höhle Hotelzimmer macht einen über Nacht wieder neugierig.

Am Morgen poltert uns die Fahrrad-Rikscha in Richtung Kumbh Mela. Allahabad platzt aus allen Nähten. Wenn man genau hinhört kann man diese Nähte sogar platzen hören. Obst- und Gemüsehändler pressen sich vorbei an den zahllosen Rikschas, die sich pausenlos hupend ihren Weg durch die holprigen Strassen bahnen. Am Busbahnhof stapeln sich die Reisebusse. Und noch immer erreichen weitere Busse im Minutentakt den Wallfahrtsort für alle Hindus in Indien. Und jedesmal steigen weit mehr Menschen aus den Bussen, als dieser Sitzplätze besitzt. Die Sonne beginnt die bröckelnden Hausfassaden in glühendes Orange hüllen und die mit Staub und Dreck geschwängerte Luft langsam zu erwärmen. Wenn man sich hier die Nase putzt, ist das Taschentuch schwarz. An die Farbe der Lunge mag man nicht denken.

Die Strasse zur Kumbh wird zum Spiegel Indiens. Tausende Menschen bahnen sich ihren Weg Richtung Unsterblichkeit. Jene, die es sich leisten können, hüllen ihre Körper in traditionelle religiöse Kleidung, die Frauen tragen ihre buntesten Saris. Männer reiten auf dürren Eseln und Pferden Richtung Unsterblichkeit. Andere balancieren auf ihren Köpfen Gepäck. Blinde werden von Fremden helfend an die Hand genommen, Alte, deren Rücken von einem harten Leben voller Entbehrungen gezeichnet und gekrümmt ist, schleppen sich mit letzten Kräften zum Wasser und Menschen ohne Beine kriechen in der Menschenmenge langsam aber unbeirrbar voran. Ab und zu teilt ein Auto die Masse in zwei Hälften. Unmittelbar danach schliesst sich die Lücke wieder und die Menschenmenge wird wieder zur Einheit.

Während wir das alles sehen, meinen wir zu verstehen, aber natürlich haben wir nicht die leiseste Ahnung. Die meisten Menschen hier haben nichts, ausser ihren Glauben und in diesem Moment gehören sie damit zu den Reichsten hier. An den heiligen Flüssen angekommen, beginnt die Masse mit dem Bad in genau dem Wasser, das man selbst nur aus Berichten über Abwässer und Seebestattungen kennt. Heilig soll es sein, das Wasser. Die Menschen baden darin, Kinder spielen darin, Männer trinken davon, Frauen füllen sich die vermeintliche Unsterblichkeit literweise in Flaschen ab. Man hadert. Aber wo man schonmal hier ist, ohnehin seit einem Jahr regelmässig gesegnet mit kleineren und grösseren Magenproblemen, dippt man die Füsse ins Wasser. Tausche Gesundheit gegen womögliche Unsterblichkeit. Deal.
Und was am Ende bleibt: keine Krankheit trotz Bad im Ganges und eine unglaubliche Geschichte, die sich im Kopf festgesetzt hat, wie der Staub Allahabads in den Atemwegen.

4 thoughts on “Neugier frisst Vernunft”

  1. Was für ein schöner Bericht. Obwohl ich noch keinen Fuß in dieses Land gesetzt habe, fühle ich regelrecht die Enge, aber auch die Faszination. Das ist Reisen!
    LG Simone

  2. Ich finde toll, wie Du Dich mit dem Schreiben Deiner Texte entwickelst und auch mit den Fotos, die Du machst, nicht mehr alle Fotos sind Miniaturen Deiner Weltreisewelt und der Text ist einer der schönsten, die ich von Dir gelesen habe! Danke dafür und Herzlichen Glückwünsch zum Einjährigen! Weiterhin viel Gesundheit und wunderbarste Momente!
    LG Cat.

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