India – the video

Alles, was man über Indien bisher nicht in Worte fassen konnte, weil dieses Land aus so verschiedenen Maschen, mal Kulturschock, mal raue Schönheit, zusammengestrickt ist, kann vielleicht dieses Video konservieren. Indien, du warst Herausforderung und Spiegel, ein Holzsplitter im Finger und Besinnung auf das wirklich Wichtige. Ein grenzenloses Dankeschön für auf Ewigkeit im Kopf blühende Erinnerungen geht an den geduldigen Naveen und an die wunderbare, grossartige, bezaubernde Katie.

english
Here is everything about India that I couldn’t put into words till now. This country is knitted together with cultural shocks and rough beauty that can perhaps be explained with this video. India, you were a challenge and a mirror, a wood splinter in the finger and a reflection on what is really important. Boundless gratitude for all the blooming memories in my head to the patient Naveen and the wonderful, magnificant and charming Katie.

India from quadratur der reise on Vimeo.

Vom Geist Auskugeln und Körper Einrenken

Die Fahrt nach Rishikesh verläuft gewohnt indisch. Man steht schwerbepackt am Busbahnhof in Agra und versucht den Ticketverkäufern mit Händen und Füssen das Reiseziel zu vermitteln. Wir sagen Rishikesh, um uns versammeln sich 15 neugierige Inder, ziehen sich Betelnusskauend zur Beratung zurück und schmettern uns auf indisch einen anderen Ort an den Kopf. Das geht so hin und her bis sie schliesslich kopfwiegend versichern, dass sie uns das richtige Busticket verkaufen würden. Man bleibt ratlos zurück, hofft auf gutes Karma und steigt in einen heruntergekommenen Bus. Nachts drei Uhr steht man dann irgendwo in einer staubigen Stadt am Strassenrand und glaubt an die Hilfsbereitschaft weiterer Inder die einem versichern: an dieser verlassenen Strasse kommt während der nächsten Stunde ein Bus nach Rishikesh vorbei. Man steht also vor Kälte zitternd und erneut totmüde nachts zwischen Rikschafahrern, vor einem staut sich von hupenden Autos aufgewirbelter Dreck auf, der einem ernsthafte Sorgen um die eigene Lunge bereitet und hinter einem schleichen Ratten in Pudelgrösse umher. – Incredible India eben.

Als dann am Tag die Sonne Rishikesh wachküsst, hat man sich einigermassen von der Anreise erholt. Der Ganges ist hier, am Fusse des Himalaya, so klar, dass man erstmal nicht glauben mag, dass das hier noch immer Indien ist. Rishikesh, nach dem herzerwärmend Hippielastigen Goa und dem Weltwundertourismus in Agra ist das hier der dritte Ort in Indien, in dem wir nicht die einzigen Touristen sind. Das hat Vorteile. Ein Grossteil der Inder hier spricht Englisch, das Essen ist für westliche Mimosenmägen verträglich und wir werden nicht wie an all den anderen Orten plump kopfwiegend angestarrt. Der Hauptgrund, warum es Touristen aber nach Rishikesh verschlägt, ist Yoga. Der Ort gilt als dessen Geburtsstätte. Und so reiht sich hier ein Ashram an das nächste, die Geschäfte quellen über vor Yogamatten und die Touristen tragen weisse Leinenklamotten. Kein Mensch, der sich hier nicht auf die Matte legt. Ich mache Yoga, also bin ich.

Wir, frisch angekommen, haben grosse Pläne hier. Eine Nacht wird noch im Luxushotel verbracht, mit Blick auf den türkisfarbenenen Ganges, mit heissem Wasser und gefühlten drölfhundert Kissen pro Person im Bett. Dann geht es ins Ashram. Und es ist nicht so, dass man es sich schon vor der Reise vorgenommen hatte. Dennoch: der Tag, an dem man für 12 Tage in das Yoga- und Meditationszentrum geht, fühlt sich falsch, traurig, ja auch wie ein Fehler an. Der Mindestaufenthalt von 12 Tagen mit Vorabzahlung gibt der Geschichte einen Gefängnisbeigeschmack. Und natürlich übertreibt das innere Emotionsmonster wieder maßlos. Die Rikschafahrt zum Ashram wirkt wie ein kleiner Abschied vom Leben in Freiheit. So ist das also: Die erste Lektion in Sachen Ashram lernt man schon bevor man es betritt. Und man lernt sich selbst kennen, in einer Weise, wie man sich vorher nie im Spiegel gesehen hat. Ich will den Schokoriegel Freiheit im Regal.

Die ersten Stunden im Ashram verlaufen nervenaufreibend. Man ist bemüht, alles ganz schrecklich zu finden. Die Gedanken sind irgendwie ausgekugelt. Und auch wenn die Anlage so friedlich lärmfrei und grün ist, man fühlt sich wie im Alcatraz und auf Robben Island zusammen. Und ein Blick auf die Ashramregeln machen es einem einfach, erstmal alles reziprok famos zu finden:
5:00AM: morning bell
5:30AM: morning meditation
6:45AM: morning yoga
8:00AM: breakfast
9:00AM: library
12:00: lunch
2:00PM: library
3:15PM: lecture lesson
4:00PM: teatime
4:45PM: yoga
6:15PM: meditation
7:45PM: dinner

Wer mehr als einmal bei Yoga oder Meditation fehlt, wird freundlich aus dem Ashram geschmissen. Hinzu kommt ein generelles Verbot von Alkohol, Zigaretten, Zwiebeln, Knoblauch, Ei und elektronischen Geräten. Das kann man gut finden, das kann man aber auch nur so mittel finden. Man entscheidt sich, zu versuchen, es gut zu finden. Die ersten Tage verlaufen himmelhochbetrübt oder zutodejauchzend. Da man alles, was man anfängt, gut machen will, steht man als Erste Morgens vor der Meditationshalle. Es hilft, die Meditationsstunde als Schlafen im Sitzen zu betrachten. Denn an Nichts zu denken war noch nie mein Ding. Andere tun das ohnehin und ratzen schon nach fünf Minuten lautstark in der Halle vor sich hin. Yoga wird schnell zum Lotto. Ein Yogalehrer malt ein Grinsen in die Gesichter der Teilnehmer, weil er die Kunst der Motivation beherrscht, ein anderer bringt einem zum Verzweifeln, weil er die Kunst des Entmutigens professionalisiert hat und der Dritte Yogalehrer wirkt wie ein Hausmeister, der mal eine Yoga-DVD in die Hände bekommen hat und seitdem glaubt, er wäre ausgebildeter Yogalehrer. Für alle Yogastunden gilt aber eine Regel. Und auch wenn es ein Novum ist, muss das hier mal investigativ angesprochen werden: So sehr wie beim Meditieren geschnarcht wird, so sehr wird beim Yoga gefurzt. Das verstört mich zunächst, denn ich sitze ungern direkt dahinter. Irgendwie scheint es aber nur mich zu stören. Nun ja, Indien halt. Nach den Indern auf den Bahngleisen, sollte man das wohl tiefenentspannt sehen.

Nach ein paar Tagen beziehen gefühlte 3000 Chinesen das Ashram. Frustrierend wird es dann in der Yogastunde, wenn sie plötzlich kolletiv entwaffnend die Beine hinter die Köpfe heben. Schön. Man fühlt sich wie ein Regenwurm zwischen Kobras. Auch die spätere Information, dass es sich bei den Chinesen geschlossen um Yogalehrer handelt, tröstet nur ein bisschen.

Mit der Zeit hat man sich einen angenehmen Alltag im Ashram zurechtgelötet. Im Wesentlichen wird jede Yoga-und Meditationsstunde besucht, im Gegenzug aber während der Bibliothekszeiten geschlafen. Dadurch wird der Tagesabschnitt Frühstück-Schlafen-Mittagessen-Schlafen zum liebgewonnenen Highlight. Am Ende lernt man also, alles doch noch ganz knorke zu finden, denn nach ein paar Tagen wirkt der eigene Körper irgendwie eingerenkt. Der Kopf ist frei, die Beine sind leichter, der Schlaf ist tief und man beherrscht beeindruckende KopfansausgestreckteKnie-Skills. Das Essen ist gut und reichlich, der Chai aus 1001 Nacht und alles fühlt sich plötzlich sehr richtig an. Die Tage sind anstrengend, dennoch wird keine Yogastunde geschwänzt. Und sogar zum sonntäglichen, freiwilligen, so genannten „Karma-Yoga“ sieben Uhr morgens wird erschienen. Dahinter verbirgt sich nicht weniger als das Putzen der Meditations- und Yogahalle. Wenn man den einzigen Tag in der Woche eigentlich länger schlafen kann, sind Karmapunkte wohl das Mindeste an Belohnung für morgentliches Putzen.

Und noch nie wurde so viel nachgedacht, gegrübelt und abgewogen. Diese zwölf Tage im Ashram waren besondere dieser Weltreise. Und während man am Anfang gedacht hat, der Schokoriegel Freiheit rückt in weite Entfernung sobald man das Ashram betritt, hat man ihn genau dort am Ende in limitierter XXL-Version finden dürfen. Freiheit beginnt im Kopf. Und kein kleiner Raum, kein noch so kleinkarierter, durchreglementierter Ort, kann mich einsperren. Diese Reise im Kopf ist eine ohne Ende, ohne Ankommen. Diese Reise ist ein Streben, kein Erreichen und darauf Ausruhen.