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SCHÖN WARS!, tät es eigentlich auch. – Nein, tut es NICHT.
Da ist es also. Das Kleingedruckte. Die Fussnote. Der Haken, von dem keiner so recht reden mag. Und man vermag es erst zu lesen wenn man das ganze kollosal phantastische „Davor“ hinter sich hat. Vorher hat man den Stein im Schuh immer wieder mit den Zehen in eine Ecke gepuhlt, in der er nicht beim Laufen stört.
Der Kopf schwankt wie eine Abrissbirne zwischen gleichgültiger Euphorie, selbstsicherer Unsicherheit und katastrophalem inneren Frieden. Ein Ding der unerträglichen Möglichkeit. Was am Ende bleibt ist nichts von alledem. Und man steht mit Stein im Schuh vor, ja, vor was? – Vor einem Busunternehmen bei dem man Tage zuvor ein Ticket nach Delhi für ein paar ausgeblichene Rupie gekauft hat. Und wenn auf nichts Verlass ist, dann doch zumindest auf indische Unzuverlässigkeit. Die Berechenbarkeit des Unberechenbaren. Das wird einem fehlen.

Statt einem Bus werden nun also alle in einen PKW mit Klimaanlage getetrist. Wobei die Besonderheit indischer Klimaanlagen darin besteht, dass sie nur in den Köpfen der Busunternehmer existieren. Schön. Warm hier. Eng hier. Ich wiege meinen Kopf in der Schönheit des Moments. Im Kopf bin ich schon lange woanders. Manche sagen dazu nirgendo. Ich nenne es überall. Wie die Fäden des aufdröselnden Sicherheitsgurts wedeln meine Gedanken zum geöffneten Fenster raus und husten vor lauter Staub. Draussen brennt die Sonne. Das kann man in ein paar Tagen schon nicht mehr behaupten. Nach drei Stunden erreichen wir Delhi. Und das war erst der Anfang. Denn nun das Hotel zu finden, ist die eigentliche Aufgabe. Der Fahrer wiegt den Kopf, wir schütteln ihn wild – Alles wie immer. Dreieinhalb weitere Stunden später fallen wir ins Flughafenhotelbett.

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Der nächste Morgen, man sitzt mit Vorfreude und Ich-will-noch-nicht-ins-Bett-Kleinkind-Quängelei im Auto. Ohne das Mädchen nebenan würde man durchdrehen. Es geht zum Flughafen. Vor uns liegt der Flug, den ich in der Vergangenheit liebend gern im Sand am Strand verbuddelt oder unter den Hostelteppich gekehrt habe. Man macht sich gut im Verdrängen. Also konzentriert man all seine Aufmerksamkeit auf die Recherche über Airlines, die Alkohol im Flieger kostenlos servieren. Volltreffer. Das macht es leicht. Wir sitzen im Flieger. Ende. Ende. Ende. Die letzten Schritte auf indischem Boden, ein letztes Mal Kopfwiegen, ein letztes Mal den Reisepass stempeln lassen. Gefühlt verlässt man die Welt, durch die man nun mehr als ein Jahr gereist ist. Denn: Es geht nach Hause.

Der Trauerkloss im Hals lässt sich erst einmal vorzüglich im Flugzeugrotwein einlegen. Davon gibt es genug. Der Steward weiss Bescheid und bringt nach kurzer Zeit schon ungefragt immer wieder Nachschub. Das Mädchen fragt wie Deutschland so ist. Mir fällt dazu mehr Durchwachsenes ein. Ich bin nicht gut im Lügen, ich bin gut im den Dingen nachhängen, im Herz an eine gute Sache verlieren, im Freisein, gerade bin ich gut im Traurigsein. Der Wein wirkt dabei wie Mentos in Cola. Und er dreht die Dinge alle paar Minuten. Ich beginne mich zu freuen, auf Familie und Freunde auf deutsches Essen, auf saubere Luft, auf Toiletten, die Klopapier spühlen können, auf ein Bett ohne Bettwanzen. Und dann ist man wieder traurig. Das geht dann so bis man also landet. Da ist man also wieder. Und der Kopf, der ist noch sonst wo. Im Flughafenklo erwischt man sich dabei wie man Klopapier mitnehmen will, weil das in so vielen Ländern zuvor sehr sinnvoll war. Keine Kühe auf den Strassen, Familie in den Armen. Das Ding braucht Zeit, verdaut zu werden. Die Rückkehr vom Reisen liegt schwer wie Kartoffelpuffer im Magen.

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Inzwischen ist einiges an Zeit vergangen. Man hat Familie und Freunde in Farbe und Bewegtbild zum Anfassen gesehen, man war froh wieder da zu sein, man war traurig, man hat all die lästigen Bürokratieketten wieder angelegt. Zu Beginn ist man sogar wie ein Backpacker durch Deutschland gereist. Und ja, dieses Land ist ein gutes. Aber ja, dieses Land ist nicht alles. Man ist zurück. Aber regelmässig schütteln einen Flashbacks, man sieht den Beatle in Südafrika, macht Asado auf der Hosteldachterasse in Argentinien, man erinnert sich an ein Kind in der Favela, einen Geruch in Peru, eine Party in Mexico, einen Pool in den USA, eine Familie auf den Cooks, eine Wiese in Sydney, eine Melodie auf Bali, ein Gefühl in Thailand, ein Geschmack in Singapur, Zähneputzen im Freien in Vietnam, einen Nachtmarkt in Kambodscha, eine Nacht am Flughafen, Bordsteine in Indien. Postreisedepression. – Die Schönste, die es gibt. Und nur das Mädchen kanns komplett verstehen. Das Mädchen ist kein Mitbringsel. Das Mädchen ist Liebe.
Der Kopf aber platzt manchmal beinah vor Erinnerungen. Und man will sie hüten wie das Wertvollste, was einem je über den Weg gelaufen ist. Und deshalb driftet man täglich ab, in eine Welt, die nicht abhanden kommen soll. Man wird das Haus vom Schicksal mit faulen Eiern bewerfen, wenn einem dieses je mit Demenz heimsuchen sollte. Da gibt es nun so viel mehr zu vergessen als vorher. Das wäre uneingeschränkt beschissen.
Dieses Leben ist ein Gutes. Die Dinge bleiben aufregend. Und in 374 Tagen Reisen, habe ich Dinge erlebt, Menschen getroffen und Sachen verstanden, die ich um nichts in der Welt missen möchte. Und der Kopf ist voller als sieben Bildbände und drölfhundert Bücher. Ich bin reicher zurückgekommen als ich es je war, auch wenn das die Bank anders sieht. Es hat sich gelohnt. Und es wird sich wieder lohnen. Denn ohne geht es nun wirklich nicht mehr. Eine Frage von Zeit. Bis dahin wird Deutschland zum Abenteuer. Eine Station. Ein Kapitel, ein unvergessliches.
Gibt es ein Risiko? – Ja. Man kommt als anderer Mensch zurück. Und keiner, der so etwas nie gemacht hat, kann bis zum kleinsten gemeinsamen Nenner runtergerechnet nur ansatzweise verstehen, was so eine Reise mit einem macht. Man ist verändert. Und die Welt hier auch. Es kann einen den Job, die Liebe, Freunde und das Verständnis für deutschen Bürokratiefetischismus kosten.
Zerreisst einem die Rückkehr das Herz? – Oh, ja. Man fühlt sich verloren ohne diese Freiheit. Man vermisst die Unverbindlichkeit des Langzeitreisenden. Man liebt Familie und Freunde. Und es dauert seine Zeit, bis man versteht, dass die Stärke langanhaltend zu Reisen keine Schwäche im Familienmenschsein ist. Man ist so. Oder nicht. Ich bin so.

Und am Ende einer solchen Reise steht im Grunde nur eine Aufforderung fett mit Edding an die eigene Hirnrinde geschrieben, die Mutti schon früher immer durchs Kinderzimmer hat hallen lassen: Geh raus zum Spielen.
Also: Geht raus, wenn ihr die Welt sehen, atmen, hören wollt.
Rausgehen! Spielen! Jetzt!
Diese Welt ist eine Gute!
Ein nicht in Worte zu fassendes Danke an alle, die auf der Reise und hier im Blog mit mir gespielt haben!

Best of Worldtrip:

bestofroundtheworld (Enhanced) (Enhanced) from quadratur der reise on Vimeo.

3 thoughts on “photo finish”

  1. Hallo Cinta,

    ich kann nur jede Zeile, jedes Wort unterstreichen. Keine drei Tage nach meiner Ankunft fiel die Entscheidung wieder aufzubrechen und somit überbrücke ich nicht mehr ganz zwei Jahre hier um dann wieder die “Freiheit” zu spüren……

    …. Reisen macht süchtig!
    LG Jens

  2. Cinta, DANKE für deinen Blog. Es ist Sonntag 13:47 Uhr und ich lese, schaue, höre, staune, fühle seit ich heut Morgen um 04:18 Uhr wach wurde und nicht mehr schafen konnte. Worte und Bilder, wie die deinen, haben zu meiner Weltreiseentscheidung soviel beigetragen.

    Ich sende dir ganz liebe Fernwehgrüße

    Sarah

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