Alles auf Salz

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Jede Liebe beginnt mit einem Moment, von dem die Gedanken nicht mehr ablassen können. Dieser Augenblick brennt sich in das Herz wie Sonnenstrahlen durch eine Lupe.
Der Moment, in dem ich mich in den Gedanken der Weltreise ernsthaft verliebt habe, war, als ich Bilder aus der Salzwüste gesehen hatte. Keine Reise ohne diesen Ort. Dass man für alles Schöne, etwas in Kauf nehmen muss, war klar. Und da es hier um einen der schönsten Orte handelt, war das Kleingedruckte umso länger.

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Nach einer Busfahrt an die Grenze zu Bolivien, die einem Aussichten beschert hat, die wie ein endloses Desktop-Wallpaper daherkamen, stand man plötzlich in 3.400m Höhe. Und man fühlt sich nach zwei Schritten, als hätte man noch nie einen Fuß vor den anderen gesetzt. Die Atmung fühlt sich wirkungslos an, der Puls rast, das Herz wird ein scharfkantiger Stein in der Brust und man zwingt sich tief Luft zu holen. – Denn Sauerstoff ist hier so rar wie Gemüse in Argentinischen Steakrestaurants. Das Ganze kann man nun noch mit 20 multiplizieren denn ich habe einen Rucksack und bin auch nur ein Mädchen. Wenn man dann auch noch so kühn ist, abends Chorizo zu grillen und Bier zu trinken, endet die Geschichte auf dem Dormboden liegend, die Beine die Wand hochstreckend. Doch es gibt gute Schweizer, die einem Koka-Tee ans Bett bringen. Ohne Probleme, keine Erfahrung wie gut die Menschen tatsächlich sind.

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Am nächsten Tag, als wir die Grenze nach Bolivien überqueren, geht alles besser. Es gibt einen Deal zwischen meinem Körper und mir. Kein Alkohol, kein schweres Essen und langsame Bewegungen. Dafür bekomme ich meinen Gleichgewichtssinn zurück. Zur Sicherheit kaufen wir uns in Bolivien eine Packung Kokablätter. Die nächsten Tage wird mit golfballgroßen Kugeln im Mund rumgelaufen. Und die Sache hilft. Am dritten Tag, inzwischen in Tupiza angekommen, spielt die Höhe kaum noch eine Rolle.

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Man kann also wieder „aufmachen“ und sich ein bisschen in die Menschen in Tupiza verlieben. Und die machen es einem leicht. Die Frauen tragen Faltröcke über ihre O-förmigen Beine, alle haben lange Zöpfe und Hüte darüber. Um ihre Schultern und Hüften sind bunte Tücher gebunden, hinter denen sich Lebensmittel oder Kinder mit roten Wangen und großen Augen vestecken. Die Häuser sind alt, aber es steckt Liebe in ihnen. Und auf den Märkten findet man Berge von Nudeln, Obst, Gemüse, Gewürzen und Kräutern. Die Nase erlebt ein Feuerwerk der Gerüche und die Augen versuchen sich alles zu merken, was sie entdecken. Hinter den Bergen von Lebensmitteln versteckt, entdeckt man Frauen und Männer, von denen man die Augen erneut nicht lassen kann. Durch ihre Gesichter ziehen sich Falten in alle Richtungen, wie Straßen auf einer Landkarte. Und man muss nicht mutmaßen, dass jede Falte von einem langen, harten Leben erzählt. Doch die Gesichter leuchten vor Freundlichkeit. Die warmen Augen unter den Schlupflidern lachen und begrüßen einen so unglaublich herzlich und bedingungslos aufgeschlossen wie an nur wenigen Orten. Diese Menschen können mir mehr beibringen als ich es je könnte. Und wieder werde ich, was ich vor dieser Reise nur selten war: demütig.

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Doch es gibt einen anderen Grund, warum man hier ist und wegen dem man in der letzten Nacht in Tupiza die Augen und den Kopf nicht in den Feierabend schicken kann. Die Tour zur Salar de Uyuni. Vier Tage Landschaften, die einem die Tränen in die Augen treiben und das Herz rühren und schütteln werden. Ich hatte viel erwartet. – Aber: ich hatte absolut keine Ahnung. Was kam, war mehr als sich mein Großstadthirn mit seinem begrenzten Phantasievorrat vorstellen konnte.

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Und alles was man für das Paradies brauchte, waren: warme Klamotten, Sonnenbrille und Sonnencreme, Kokablätter, Klopapier und die Bereitschaft in der Natur ein Klo zu erkennen. Dafür bekam man Orte zu sehen, die man aufsaugt wie ein trockner Schwamm das Wasser und die man nie wieder loslassen will. Man verliebt sich in diese Natur und betet, dass man nie an Demenz erkrankt und diese Tage irgendwann vergisst.
„The joy is in sharing“, hat Sarah in Kapstadt gesagt. Und sie kann nicht Irren. Deshalb die Fotos in drei, wahrscheinlich immernoch schwer verdaulichen weil unglaublichen (dank Natur, nicht Fotografietalent) Portionen. Hier der erste Gang:
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