Meilensteine der Weltreiseplanung

weltreise-abschiedsparty 
Weihnachtsurlaub, endlich. Und die ersten zwei freien Tage und Nächte sind direkt für zwei zentrale Weltreiseplanungsprogrammpunkte draufgegangen. Beim Armdrücken, Ringen und Tauziehen mit Photoshop ist die Einladung für die Abschiedsparty im Februar endlich fertig geworden.
Und: heute hat sich am Horizont des Auslandsreisekrankenversicherungsdschungels etwas aufgetan, das mir ein sehr, sehr breites Grinsen ins müde Gesicht zaubert. In den vergangenen Monaten habe ich ja meine geplante Station in den USA wegen der damit durch die Sparschweindecke schießenden Krankenversicherungskosten verworfen. Die Vernunft war größer. Auch wenn sich da immer wieder dieser wehmütige Einwand in die Hirnrinde geschoben und das Totschlagargument gebracht hat: “Aber: es sind doch die U – S – A.”
Nun, und heute hat mich ein Krankenversicherungsangebot umarmt, mit dem, bei gleichem Leistungsumfang, nicht nur 500 Euro gespart werden, sondern auch ein 14-tägiger Aufenthalt in den USA mitversichert ist. Seit mir die Mitarbeiterin meine mehrmalige Nachfrage: “Echt jetzt?” fünfmal mit “Ja” bestätigt hat, mir die Gründe für das Schnäppchen nachvollziehbar aufzeigen konnte und auch Stiftung Warentest ein “Testsieger” drauf gestempelt hat, hab ich mir erlaubt, mich fortan vorbehaltlos wie Hulle zu freuen. Wieder einmal highfive mit der Entscheidung, die Reiseroute so offen und flexibel wie möglich zu planen.
Ich sehe Buchstaben über der Stadt. Ich sehe Blumen im Haar. Ach L.A., ach San Francisco. Kommt zu Mutti.

Tauschrausch

ff_landebahn_qdr

Der fabelhafte Herr Wigge ist seit einigen Monaten wieder auf Reisen und versucht sich von einem angebissenen Apfel zu einem Traumhaus auf Hawaii hoch zu tauschen. Und das macht er so großartig neugierig, konsequent und unerschütterlich, dass man seine Doku jedem guten Menschen ans Herz legen möchte. Famos anzuschauen, wie man mit den Augen eines Kindes dermaßen klug durch die Welt reisen kann. Dieser Mann hat die Flausen, die es braucht um mal grau, faltig,weise&zufrieden zu werden. Hier entlang.

Malen nach Zahlen

malen-nach-zahlen-2

“Wie man genießen kann, wenn man weiß, dass man geht. Man müsste ständig gehen, das müsste ständig gehen. Wie man genießen kann, wenn man weiß, dass man geht. So dass man anfängt, anders zu sehen.”
Cluesn

Huch, die hundert Tage im Countdown sind geknackt. Und irgendwie macht das was mit einem, im Guten wie im Wehmütigen. Es ist ein bisschen so wie der Moment, in dem an der Glücksradwand ganz viele Felder hell aufploppen während Maren Gilzer lächelnd an der Seite steht und unter dem Respekt zollenden Applaus aus dem Publikum die Buchstabenfelder umdreht. Und das ist der Augenblick in dem man lösen möchte, weil man dank ERNSTL erkannt hat, was so eine Weltreise wirklich bedeutet.

Es ist so: Je weniger Tage noch bis zum Abflug ins Land gehen, desto wertvoller werden sie. Im Kopf quirlen die Gedanken wie Bauschaum aus den Zwischenräumen raus. Impftermine, Behördenmarathon, Flug von Kapstadt nach Buenos Aires buchen, Sehstärke noch mal checken lassen, Liste für die Reiseapotheke schreiben, Arbeiten, Arbeiten, Arbeiten, Zahnarzttermin vereinbaren, Kündigungsfristen einhalten, Weihnachtsgeschenke kaufen, und (und das habe ich unterschätzt:) alle bedeutenden Menschen müssen noch mal besucht werden. Es sind LOS-unbedingt-nochmal-bewusst-mitmachen-WOCHOS vor der Weltreise: nochmal Vorweihnachtszeit, nochmal Schneeflocken im Gesicht und Plätzchenbacken, nochmal Nebenkostenabrechnung und Ärger mit der Rheinbahn, unbedingt nochmal Frankfurt, Leipzig, Dresden und Berlin, nochmal bewusst Alltag.

Im Grunde ist von hier an eigentlich alles leicht: Dank der vor Monaten angelegten Listen, ist es ein einziges Malen nach Zahlen. Nur: so langsam mischt sich das bewusste Verabschieden noch mit in die Farben. Aber das versaut die Kunst keineswegs. Im Gegenteil. Ohne Heimat kein Fernweh. Ohne Ferne kein Heimweh.

hin und weg

footprint

Fast hätte ich es geschafft. – Es ist so: Wenn man eine Weltreise plant, sollte man eigentlich nur drei Ratschläge befolgen:

  1. Keine Jack-Wolfskin-Jacke kaufen. – Das tragen nur Partnerlook-Rentner, die den Winter alljährlich auf Mallorca verbringen und Sätze zementiert haben wie „Mallorca hat auch schöne Seiten. Vor allem der Norden.“
  2. Irgendwann is auch mal gut mit Planen.
  3. Auf keinen Fall vor der Abreise verlieben.

Und fast hätte ich jeden dieser Punkte eingehalten. Aber jetzt als Tante reicht allein schon die gebuchte Foto-Flatrate aus, um entwaffnet festzustellen, dass es um mich geschehen ist. Spätestens in echt, 3D und Dolby Surround wird der kleine Kerl sich unumkehrbar seinen Platz an der Herzinnenwand sichern. Man ist hin und weg aber auch bald auf und davon. Aber es gibt Skype und wenn er dann in ein paar Jahren mal so gar nicht müde werden will und eine Gute-Nacht-Geschichte nach der anderen bei mir einfordert, werde ich fantastilliarden viele Abenteuergeschichten von allen Ecken der Welt auf Lager haben um ihn ausdauernd in den Schlaf zu entertainen.

Butter bei die Fische

weltkarte_faehnchen 
Tausendundeinmal hab ich es mir vorgestellt, in buntesten Farben ausgemalt. Es sollte ein sonniger, arbeitsfreier Tag sein. In meiner Vorstellung habe ich an nichts gespart. Der Laptop würde am Ende eines ausgerollten roten Teppichs stehen und jedes Tastaturdrücken hätte einen Trommelwirbel zur Folge. Glitter würde von der Wohnzimmerdecke rieseln, Nebelmaschinen hinter der Couch würden für die Spannungscredibility sorgen. Und aus den Lautsprechern würde ein Feuerwerk erster Güte funken.
So in etwa habe ich mir seit Monaten den Moment der ersten Weltreiseticketbuchung unbescheiden ausgemalt. Und es lief doch ganz anders: Heute habe ich offiziell den ersten Flug meiner Weltreise gebucht. Heute habe ich offiziell den ersten Flug meiner Weltreise gebucht. Heute habe ich offiziell den ersten Flug meiner Weltreise gebucht. (Ach, ein schöner Satz, den es noch zu glauben gilt.) Ohne Nebel, Glitter, Feuerwerk. Dafür aber mit: Mutti am Hörer und den beiden großen Schwestern auf der Schulter. – Somit waren das die besten vorstellbaren Umstände.
Frankfurt – Kapstadt und das Zauberwort (Tadaa):
buchungsbestaetigung
PANIK VORFREUDE PANIK VORFREUDE PANIK VORFREUDE. Atmen. HEUREKA!

Im Kinofoyer

flugzeuggucken3_q

Da soll gar nicht lange rumgedruckst werden. Als Biene wären Flughäfen meine Limo.
Bei einer Weltreise sind Flughäfen Anfang, Wendepunkt und Ende. Und es zieht einen immer wieder hin, weil sie die Stulle für den Hunger der Vorfreude sind. Flughäfen sind das Foyer im Kino. Dort riecht es nach Popkorn, man trifft Menschen die das Abenteuer schon hinter sich oder noch vor sich haben. Und man kann schon in die Kinosäle lunsen und Anfang und Ende heimlich mitgucken – Start und Landung. Insofern ist es völlig legitim immer wieder einem Knipswahn zu verfallen. Und bis ich dann im Frühjahr wirklich in die einzelnen Kinosäle gehe, werd ich mich ab und zu noch mal im Foyer rumtreiben. Und da kommt ja och n bisschen wat bei rum: Photooos.
Mehr Hieb- und Stichfestes: bald.

flugzeuggucken4_q

flugzeuggucken2_q

flugzeuggucken5_q

flugzeuggucken13_q

flugzeuggucken10_q

flugzeuggucken7_q

flugzeuggucken11_q

flugzeuggucken6_q

Logistiklogik

logistik

Donnerlittchen. Da denkt man ja am Anfang nicht dran, was da alles so dran hängt an einer Weltreise. Logistisch entspricht das ungefähr einer Sandaufschüttung Helgolands bei gleichzeitiger Herstellung und Sicherung der Wasserversorgung Gobis und Etablierung einer energiesparenden Stromzufuhr in Las Vegas. Derzeit werden verstärkt Listen und Tabellen darüber angelegt, wann was abgeschlossen, abgemeldet, gekauft, verkauft, weggeworfen, vorbestellt, gebucht, eingelagert, für die homebase sortiert, in Erfahrung gebracht, kopiert oder in den Arm geimpft werden muss. Nötig ist das, weil die Zeit fehlt, hinter die Dinge schon jetzt einen grünen Haken zu setzen.

Es ist ja auch nicht so, dass der Bohei keine Früchte abwirft: theoretisch könnte man sich die ersten Flugtickets, das Notebook, Daypack und die Krankenversicherung zulegen, denn alles ist nach bestem Wissen ausrecherchiert. Nur: so zwischen Tür (Arbeitstag) und Angel (Arbeitstag) will das nun auch wieder nicht emotionslos abgearbeitet werden. Aber es grinsen schon ein paar freie Tage vielsagend um die Ecke, die sich zutrauen, mir waghalsig ein „rien ne va plus“ in die Ohren zu schreien.

Derweil wird sich in Vorfreude und in der Klärung einer zentralen Weltreisegepäckbaustelle geübt: Welche Ohropax schützen vor Hostelschlafsaalschnarcher und lautstarke Actionfilmvorlieben bolivianischer Nachtbusfahrer? Ich rühme mich damit, sie alle in den vergangenen Monaten allmorgendlich angesichts unfreiwilliger Bauarbeiterpräsenz vor dem Schlafzimmerfenster getestet zu haben. Ein weites Feld: zu klebrig (Wachs), zu bunt, zu hart, zu teuer, zu weich, zu wenig verformbar, zu sehr verformbar… Nun habe ich sie gefunden: Cord Max. Ohropax: checked. Damit wär ja wohl der wichtigste Punkt der Reise abgearbeitet.

ohropax

Wachstumsschmerzen

1_believe_q

Heute vor zehn Jahren war ich 16 und habe eine Klassenarbeit in Geschichte geschrieben; ausgerechnet. Eigentlich würde man sich da nicht mehr dran erinnern. Aber ein paar Stunden später wurde die eigentliche Geschichte geschrieben. Eine, die man nie vergessen wird, weil sie in so vielen Bildern und Gesichtern erzählt ist. Das Geschichtsbuch war der Fernseher. Das Damals war Live. Schwarz/weiße Zeichnungen waren Bewegtbilder in Farbe. Und bis heute wird die Vorstellungskraft von diesem Tag herausgefordert und bis heute scheitert sie.

Wer danach einmal in New York war, weiß um den Stolz und das Trauma, um den Pathos und das Loch, um den Glauben und die Lücke. Wachstumsschmerzen, die nie aufhören. Wachsen und lernen, dass man lieber früher als später so viele Weltwinkel wie nur möglich bereisen sollte, bevor sich wieder alles ändert; so viele Menschen wie möglich erkennenlernen sollte, so viele Perspektiven einnehmen und sich in so viele Situationen begeben, so viel Wissen aufsaugen und Gefühle fangen sollte wie man kann um so viel wie nur möglich zu verstehen.

empire state of mind, fake empire, brooklyn, fake for real, new york

2_brooklynbridge_q

3_ny-earth_q

4_horses_q

5_grandcentral_q

6_chinatown_q

7_statue_q

8_times-square-man_q

9_groundzero_q

10_photo_q

Der Auslandsreisekrankenversicherungsgott im Baklava-Paradies

pool-abends1_qdr

“Das ist eine lange Geschichte”, sagt man. Das hier ist eine von der Sorte.
38 Grad umarmen mich warm und besitzergreifend als ich aus dem Flughafengebäude von Antalya auf die Straße trete. Trotz Wettervorwarnung bin ich überrumpelt vom feuchten Kuss von Tante Sonne. Aber ich mag sie. Nur anfängliches Fremdeln nach langem Wiedersehen. Ein Transferbus bringt uns nach Side, vorbei an alten Häusern, die mit so viel Stil und Würde zu Ruinen geworden sind, dass man sich bunte Geschichten über sie ausmalt. Dann die Ankunft am riesigen Hotelbunker. Alles glänzt oder leuchtet oder glänzt und leuchtet. Hier findet niemand Staub. Auch kein Deutscher. An der Rezeption bekomme ich erst einmal ein grünes Armband angelegt – für die Pauschaltouristcredibility.

sonne-palme_qdr

Fünf-Sterne-Himmel

Die nächsten Tage lebt es sich so unbeschwert, faul und gepampert, dass sich die Fernsehnachrichten wie von einer anderen Welt anhören. Das ist weltfremd aber wertvoll. Ich bin out of space. Fünf Sterne machen schon einen kleinen Himmel. Mit quer durch die Anlage dröhnendem „Guten Morgen Sonnenschein“ beginnt jeder Tag. Das gesamte Hotelpersonal grüßt freundlich. Für den Deutschen ist das ungewohnt. Manche Gäste quittieren das mit Ignoranz. Die basiert aber nicht auf Überheblichkeit sondern auf Überforderung. Nach drei Tagen hat sich spätestens jeder an die ungewohnte Gastfreundschaft gewöhnt. Da hier auf jeden Gast etwa sieben Hotelangestellte kommen, grüße ich in 2-Minuten-Takt.

strandhund_qdr

Was Delfine wollen

Die sieben Restaurants und Bars werfen einem den gegrillten Fisch, Fladenbrot, Cocktails und dieses wahnsinnig süße unvergleichliche türkische Gebäck in den Mund. Väter pusten am Pool den Bambi-Schwimmtieren Luft in den Hintern. Und die Töchter tragen die Viecher stolz durch die Anlage. Sofern das geht. Denn oft sind sie nur halb so groß wie das Tier. Den ganzen Tag schnattern Flip Flops wie Wildenten um den Pool. Das Meerwasser ist warm. Ich fürchte auch Urin spielt hier eine Rolle. Der Reiseveranstalter will mir einen Ausflug ins Definarium schmackhaft machen. Ich äußere meine Zweifel an der Freiwilligkeit der Delfine, den ganzen Tag mit der Nase an Touristenhände zu springen und für Erinnerungsfotos zu posieren. Er meint, ich solle das nicht so eng sehen. Womit wir bei den qm des Delfingeheges wären. Kurzum: Ich habe auf einen Ausflug verzichtet.

schuhe_qdr

Animation = Motivation = Illusion

Am Pool versuchen mich Animateure von meinem Bedürfnis zu überzeugen, bei inzwischen 40 Grad Celsius Dart, Tischtennis, Wasserball, Fuutbol oder Beach-Volleyball zu spielen oder wahlweise von Ihnen am Strand fotografiert zu werden. Mittags haben sie sogar die Illusion ich hätte Lust auf Wassergymnastik. Sie kennen mich nicht. Ich bleibe standhaft am Pool liegen. Abends nehme ich erfolgreich nicht an der Wahl zur Miss Kleopatra teil.

balkongarten_qdr

Hier gibt es Baklava, hier will ich sein

Ich lese Timmerberg. Verdammt. Ich lese das Buch, das ich immer schreiben wollte. Im Pauschalurlaub ein Buch von Helge Timmerberg zu lesen, ist in erster Linie seltsam und auch ausufernd paradox. Ich fühle mich, als stünde ich mit Adiletten in der Kirche, als würde ich im Sand von Strandtapete ernsthaft Muscheln suchen, als hielte ich Süßstoff für Zucker und ein laues Ventilatorlüftchen für einen Sommersturm. Der Mann ist Holz mit Jahresringen, kein Plastik mit Weichmacher. Und er schreibt so rau und fein von seinen abenteuerlichen Reisen, dass ich mich wieder kurz für diesen Pauschalurlaub schäme. Timmerberg würde es vielleicht so sagen: Wenn das wilde Reisen die wahre Liebe ist, dann ist Pauschalurlaub nicht mehr als gelangweilte Onanie. Hmpf. Tobak. Da kann man mal drauf rumdenken und merken, dass bei dem Satz ne Menge Wahrheit vom Baum fällt. Nur Timmerberg hat das nie gesagt. Ich denke nur, er könnte so denken. Vielleicht denke auch nur ich so. Ich bin verwirrt. Am Buffet zerstreut sich die Skepsis: Hier gibt es Baklava, hier will ich sein.

dessert_qdr

all inclusive mal anders

Der vierte Tag: der Stein im Schuh. Nachdem ich nun schon den zweiten Tag das Gefühl habe, oben und unten nicht auseinanderhalten zu können, gehe ich zum Hotelarzt. Der ist unsicher und bucht mir direkt einen Tagesausflug zum örtlichen Krankenhaus. Meine Freude darüber: so langlebig wie ein Eiszapfen in der türkischen Sonne. Minuten später sitze ich in einem Wagen. Der Taxifahrer zum Krankenhaus muss einen schmerzhaft eingewachsenen Zehnagel haben. Anders lässt sich seine Hemmung, bei Rot das Bremspedal zu treten, nicht erklären. Im Krankenhaus geht alles ganz schnell. Der Arzt macht Gleichgewichtstests, die ich weder in der A- noch in der B-Note mit Bravour bestehe. Eh ich mich versehe jagt mir eine türkische Schwester eine Kanüle in die Hand. Am anderen Ende des Schlauchs: der Infusionsbeutel samt Ständer. Der Tagesausflug wird unfreiwillig ausgeweitet: EKG, Blut abnehmen, Tabletten gegen Schwindelgefühl, Spritzen gegen Übelkeit, Vollverpflegung mit Krankenhausessen, Übernachtung. Sozusagen all inclusive. Der Arzt kommt mit Dolmetscherin. Ich verstehe nur Bruchstücke: Druck im Ohr, wenig getrunken, Lunge, wenig Sauerstoff, zur Beobachtung über Nacht.

Das türkische Krankenhaus – die Entlassungstaktik

Und da liege ich also, mit abblätternden türkisen Nagellack, Hotelbändchen am Handgelenk, esse eine Masse, die wohl Kartoffelbrei sein soll und versuche mir vorzustellen, es sei Baklava. Aber ich habe zu wenig Fantasie. Um guten Willen zu zeigen und hier raus zu kommen, trinke ich so viel Wasser wie möglich. Wenn der Arzt das nächste Mal kommt, sollen ihn drei leere Flaschen auf dem Nachtisch beeindrucken. Ich bin stolz auf mich und diese Idee, auch wenn der ständige Gang am Tropf zum Klo entwürdigend ist. Ich kratze Stolz und Kraft zusammen und trage diesen blöden Ständer wenigstens durchs Zimmer. Schieben ist was für Kranke.

medizin_qdr

Rückkehr ins Baklava-Paradies

Nachts halb zwei werde ich wach, weil mir eine Schwester eine weitere Spritze in den Schlauch jagt. Vertrauen ist gut, Kontrolle ohnehin nicht möglich. Dann nimmt sie auch noch die drei leeren Flaschen mit. Verdammt. Jetzt kann ich nicht mehr vorm Chefarzt protzen. Das nächste Mal wache ich gegen sechs Uhr auf, weil die Sonne hinter den Bergen hervorblinzelt. Der beschissene Beutel ist immer noch nicht leer. Ich halte an meinem durchkreuzten Plan fest, trinke wieder eineinhalb Liter und positioniere die leeren Flaschen außerhalb des üblichen Schwesternradius’. Dann trainiere ich heimlich für die Gleichgewichtstests. Das Ziel: Nicht aussehen, als wäre mir schwindelig. Ich brauche schauspielerisches Talent, denn mir geht es nicht wirklich besser. Ich bin totmüde, aber ich traue mich nicht, wieder einzuschlafen. Wenn der Arzt kommt, will ich mindestens olympionik erscheinen. Ich habe Augenringe bis zu den Kniekehlen und bilde mir ein, mein Brillengestell verdeckt das Elend. Dann kommt der Arzt. Er fragt wie es mir geht. Ich so: Seeeehr gut. Nee, wirklich. Viel besser. Er so: Ach, aha. Nachdem er die Unterlagen bedeutungsschwanger durchblättert, gibt er grünes Licht. Bepackt mit bunten Tabletten darf ich zurück ins Baklava-Paradies.

stegtreppe_qdr

Der Auslandsreisekrankenversicherungsgott

Im Auto zum Hotel sitze ich neben einem siebenjährigen Mädchen. Sie jammert, weil die Infusionseinstichhand weh tut. Ich jammere mit. Sie lacht. Ihre Mutter sitzt vorn und lacht nicht. Sie musste für ihre Tochter 680 Euro fürs Ohrenspülen zahlen. Ich bete dankbar zum Auslandsreisekrankenversicherungsgott, an den ich schon vor Reiseantritt geglaubt und Ablass gezahlt habe.

Da war doch noch was – BINGO!

Zurück im Hotel gehe ich es ruhig an. Also alles wie vorher eigentlich. Ich genieße Strand, Pool, trinke viel und hole die versäumten Mahlzeiten am Buffet nach. Dann der letzte Abend. Mir kommt zu Ohren, heute ist BINGOABEND. Einerseits: Wir müssen nachts zwei Uhr aufstehen weil der Flug so früh geht. Andererseits: BINGOABEND. Ich kaufe zwei Bingoscheine. Der Animateur schwört auf den wahrscheinlicher werdenden Sieg wenn ich mehr Scheine kaufe. Ich so: Zwei reichen mir zum Gewinnen. Dann der Bingoabend. Was soll ich sagen. Es kam wie es kommen musste. Am Ende stand ich auf der Bühne im Scheinwerferlicht und wurde mit Ruhm und wertlosen Gewinnen überschüttet: eine Side-Tasse, ein Side-Porzellan-Wandbild, ein Side-Souvenir frei von Funktionalität, ein kaputtes Armband, eine hässliche Kette und eine gebrannte Kinderanimationsmusik-CD. Ich bin also gut aufgestellt fürs nächste Schrottwichteln. Versöhnlicher hätte dieser doch irgendwie abenteuerliche Pauschalurlaub eigentlich nicht enden können. Wenn, ja wenn nicht noch der Rückflug gewesen wäre.

bingoruhm_qdr

Braucht jemand dringend einen schönen Satz?

Der Rückflug sei wie folgt zusammengefasst: Alles wäre sorgenfrei gewesen, hätte es nicht auch dort oben Action gegeben. Leider nicht in Form des großartigsten Bruce-Willis-Streifens der 90er „Stirb langsam 3“. Es wurde nach einem Arzt an Bord gefragt, weil ein Fluggast dringend medizinische Hilfe benötigte. Was wohl los gewesen wäre, hätten sie nach einem Piloten an Bord gefragt?! Der Kreislauf eines Mädchens (thanks, its not me!) gab Standing Ovations. Es folgte eine Infusion über den Wolken. Ärzte sind Helden. Über den Wolken aber sind sie Götter. Es wird wohl nie eine Flugbegleiterin nach einem Journalisten an Bord fragen, weil ein Passagier dringend eine investigative Recherche oder einen schönen Satz braucht. Ich bin ein dankbares kleines Licht, das aus dem Fenster schaut. Die Wolken erinnern abwechselnd an Zuckerwatte, körnigen Frischkäse und Schaumkussmasse.

[nggallery id=2]

Bingopacker

sunglasses

Man sagt Backpacker sind ein seltsamer Schlag Mensch. Man erkennt sie an der Mc Gyverschen Multifunktionsausrüstung, den seltsamen Reisezielen, die man mindestens nicht aussprechen kann oder für die wenigstens eine Impfempfehlung vom RKI besteht, deren Namen man dann nicht aussprechen kann. Sie kaufen sich ihr Mittagessen nur an einheimischen Straßenständen und verbuchen das anschließende Magen-Darm-Remmi-Demmi als das unverzichtbare Eintauchen in fremde Kulturen. Sie übernachten in Hostelschlafsälen und auf dem unermesslich großen Ohropaxmarkt kann ihnen niemand etwas vormachen. Unterm Strich: Sie bezeichnen sich als wirklich alles, nur nicht als Touristen.

Pauschaltourist und Backpacker

Einiges davon mag stimmen, vieles ist Quatsch. Ich mag Backpacker; werde nächstes Jahr selbst einer sein; und das mit Stolz und Multifunktionsklamotte. Dieses Jahr bin ich aber für eine Woche Pauschaltourist. – Und das ist alles andere als inkonsequent.
Man ist etwas müde, vom Arbeiten, vom Geldsparen, vom Studieren, vom Planen. Die Lampe im Aufladegerät blinkt seit einiger Zeit schon rot. Es ist Zeit für Bingo, Buffet, All inclusive, Pools und Strand im Bewegungsradius von 200m, Zeit für Pauschalurlaub und den kühnen Plan, sieben Tage lang nicht mehr zu tun, als sich broileresk in der Hitze zu wenden. Selbst Animations- und Bingoabenden stehe ich aufgeschlossen gegenüber. Ich erwarte das genaue Gegenteil von einer Weltreise: einen durchchoreografierten Urlaub, Monotonie des Strandlebens, keine Überraschungen. Damit das Akkulicht wieder grün blinkt. Und danach ist die Vehemenz wieder am Start, um noch ein schönes halbes Jahr ranzuklotzen, Geld zu sparen, final zu planen, für das große Abenteuer, das ohne Bingoabend und 4 ½ Sterne auskommen wird.

Der Kontrast definiert den Unterschied. Howdy.