India – the video

Alles, was man über Indien bisher nicht in Worte fassen konnte, weil dieses Land aus so verschiedenen Maschen, mal Kulturschock, mal raue Schönheit, zusammengestrickt ist, kann vielleicht dieses Video konservieren. Indien, du warst Herausforderung und Spiegel, ein Holzsplitter im Finger und Besinnung auf das wirklich Wichtige. Ein grenzenloses Dankeschön für auf Ewigkeit im Kopf blühende Erinnerungen geht an den geduldigen Naveen und an die wunderbare, grossartige, bezaubernde Katie.

english
Here is everything about India that I couldn’t put into words till now. This country is knitted together with cultural shocks and rough beauty that can perhaps be explained with this video. India, you were a challenge and a mirror, a wood splinter in the finger and a reflection on what is really important. Boundless gratitude for all the blooming memories in my head to the patient Naveen and the wonderful, magnificant and charming Katie.

India from quadratur der reise on Vimeo.

Vom Geist Auskugeln und Körper Einrenken

Die Fahrt nach Rishikesh verläuft gewohnt indisch. Man steht schwerbepackt am Busbahnhof in Agra und versucht den Ticketverkäufern mit Händen und Füssen das Reiseziel zu vermitteln. Wir sagen Rishikesh, um uns versammeln sich 15 neugierige Inder, ziehen sich Betelnusskauend zur Beratung zurück und schmettern uns auf indisch einen anderen Ort an den Kopf. Das geht so hin und her bis sie schliesslich kopfwiegend versichern, dass sie uns das richtige Busticket verkaufen würden. Man bleibt ratlos zurück, hofft auf gutes Karma und steigt in einen heruntergekommenen Bus. Nachts drei Uhr steht man dann irgendwo in einer staubigen Stadt am Strassenrand und glaubt an die Hilfsbereitschaft weiterer Inder die einem versichern: an dieser verlassenen Strasse kommt während der nächsten Stunde ein Bus nach Rishikesh vorbei. Man steht also vor Kälte zitternd und erneut totmüde nachts zwischen Rikschafahrern, vor einem staut sich von hupenden Autos aufgewirbelter Dreck auf, der einem ernsthafte Sorgen um die eigene Lunge bereitet und hinter einem schleichen Ratten in Pudelgrösse umher. – Incredible India eben.

Als dann am Tag die Sonne Rishikesh wachküsst, hat man sich einigermassen von der Anreise erholt. Der Ganges ist hier, am Fusse des Himalaya, so klar, dass man erstmal nicht glauben mag, dass das hier noch immer Indien ist. Rishikesh, nach dem herzerwärmend Hippielastigen Goa und dem Weltwundertourismus in Agra ist das hier der dritte Ort in Indien, in dem wir nicht die einzigen Touristen sind. Das hat Vorteile. Ein Grossteil der Inder hier spricht Englisch, das Essen ist für westliche Mimosenmägen verträglich und wir werden nicht wie an all den anderen Orten plump kopfwiegend angestarrt. Der Hauptgrund, warum es Touristen aber nach Rishikesh verschlägt, ist Yoga. Der Ort gilt als dessen Geburtsstätte. Und so reiht sich hier ein Ashram an das nächste, die Geschäfte quellen über vor Yogamatten und die Touristen tragen weisse Leinenklamotten. Kein Mensch, der sich hier nicht auf die Matte legt. Ich mache Yoga, also bin ich.

Wir, frisch angekommen, haben grosse Pläne hier. Eine Nacht wird noch im Luxushotel verbracht, mit Blick auf den türkisfarbenenen Ganges, mit heissem Wasser und gefühlten drölfhundert Kissen pro Person im Bett. Dann geht es ins Ashram. Und es ist nicht so, dass man es sich schon vor der Reise vorgenommen hatte. Dennoch: der Tag, an dem man für 12 Tage in das Yoga- und Meditationszentrum geht, fühlt sich falsch, traurig, ja auch wie ein Fehler an. Der Mindestaufenthalt von 12 Tagen mit Vorabzahlung gibt der Geschichte einen Gefängnisbeigeschmack. Und natürlich übertreibt das innere Emotionsmonster wieder maßlos. Die Rikschafahrt zum Ashram wirkt wie ein kleiner Abschied vom Leben in Freiheit. So ist das also: Die erste Lektion in Sachen Ashram lernt man schon bevor man es betritt. Und man lernt sich selbst kennen, in einer Weise, wie man sich vorher nie im Spiegel gesehen hat. Ich will den Schokoriegel Freiheit im Regal.

Die ersten Stunden im Ashram verlaufen nervenaufreibend. Man ist bemüht, alles ganz schrecklich zu finden. Die Gedanken sind irgendwie ausgekugelt. Und auch wenn die Anlage so friedlich lärmfrei und grün ist, man fühlt sich wie im Alcatraz und auf Robben Island zusammen. Und ein Blick auf die Ashramregeln machen es einem einfach, erstmal alles reziprok famos zu finden:
5:00AM: morning bell
5:30AM: morning meditation
6:45AM: morning yoga
8:00AM: breakfast
9:00AM: library
12:00: lunch
2:00PM: library
3:15PM: lecture lesson
4:00PM: teatime
4:45PM: yoga
6:15PM: meditation
7:45PM: dinner

Wer mehr als einmal bei Yoga oder Meditation fehlt, wird freundlich aus dem Ashram geschmissen. Hinzu kommt ein generelles Verbot von Alkohol, Zigaretten, Zwiebeln, Knoblauch, Ei und elektronischen Geräten. Das kann man gut finden, das kann man aber auch nur so mittel finden. Man entscheidt sich, zu versuchen, es gut zu finden. Die ersten Tage verlaufen himmelhochbetrübt oder zutodejauchzend. Da man alles, was man anfängt, gut machen will, steht man als Erste Morgens vor der Meditationshalle. Es hilft, die Meditationsstunde als Schlafen im Sitzen zu betrachten. Denn an Nichts zu denken war noch nie mein Ding. Andere tun das ohnehin und ratzen schon nach fünf Minuten lautstark in der Halle vor sich hin. Yoga wird schnell zum Lotto. Ein Yogalehrer malt ein Grinsen in die Gesichter der Teilnehmer, weil er die Kunst der Motivation beherrscht, ein anderer bringt einem zum Verzweifeln, weil er die Kunst des Entmutigens professionalisiert hat und der Dritte Yogalehrer wirkt wie ein Hausmeister, der mal eine Yoga-DVD in die Hände bekommen hat und seitdem glaubt, er wäre ausgebildeter Yogalehrer. Für alle Yogastunden gilt aber eine Regel. Und auch wenn es ein Novum ist, muss das hier mal investigativ angesprochen werden: So sehr wie beim Meditieren geschnarcht wird, so sehr wird beim Yoga gefurzt. Das verstört mich zunächst, denn ich sitze ungern direkt dahinter. Irgendwie scheint es aber nur mich zu stören. Nun ja, Indien halt. Nach den Indern auf den Bahngleisen, sollte man das wohl tiefenentspannt sehen.

Nach ein paar Tagen beziehen gefühlte 3000 Chinesen das Ashram. Frustrierend wird es dann in der Yogastunde, wenn sie plötzlich kolletiv entwaffnend die Beine hinter die Köpfe heben. Schön. Man fühlt sich wie ein Regenwurm zwischen Kobras. Auch die spätere Information, dass es sich bei den Chinesen geschlossen um Yogalehrer handelt, tröstet nur ein bisschen.

Mit der Zeit hat man sich einen angenehmen Alltag im Ashram zurechtgelötet. Im Wesentlichen wird jede Yoga-und Meditationsstunde besucht, im Gegenzug aber während der Bibliothekszeiten geschlafen. Dadurch wird der Tagesabschnitt Frühstück-Schlafen-Mittagessen-Schlafen zum liebgewonnenen Highlight. Am Ende lernt man also, alles doch noch ganz knorke zu finden, denn nach ein paar Tagen wirkt der eigene Körper irgendwie eingerenkt. Der Kopf ist frei, die Beine sind leichter, der Schlaf ist tief und man beherrscht beeindruckende KopfansausgestreckteKnie-Skills. Das Essen ist gut und reichlich, der Chai aus 1001 Nacht und alles fühlt sich plötzlich sehr richtig an. Die Tage sind anstrengend, dennoch wird keine Yogastunde geschwänzt. Und sogar zum sonntäglichen, freiwilligen, so genannten „Karma-Yoga“ sieben Uhr morgens wird erschienen. Dahinter verbirgt sich nicht weniger als das Putzen der Meditations- und Yogahalle. Wenn man den einzigen Tag in der Woche eigentlich länger schlafen kann, sind Karmapunkte wohl das Mindeste an Belohnung für morgentliches Putzen.

Und noch nie wurde so viel nachgedacht, gegrübelt und abgewogen. Diese zwölf Tage im Ashram waren besondere dieser Weltreise. Und während man am Anfang gedacht hat, der Schokoriegel Freiheit rückt in weite Entfernung sobald man das Ashram betritt, hat man ihn genau dort am Ende in limitierter XXL-Version finden dürfen. Freiheit beginnt im Kopf. Und kein kleiner Raum, kein noch so kleinkarierter, durchreglementierter Ort, kann mich einsperren. Diese Reise im Kopf ist eine ohne Ende, ohne Ankommen. Diese Reise ist ein Streben, kein Erreichen und darauf Ausruhen.

Zwischen Schock und Schönheit

Da sitzen sie aneinandergereiht wie Vögel auf der Leitung. Und es werden mehr und mehr. Hunderte Inder hocken auf den Bahngleisen, manche in Gruppen, manche mit Zigarette im Mundwinkel und verrichten wie selbstverständlich ihr grosses Geschäft. Es ist sieben Uhr morgens und der Nachtzug rollt langsam im Bahnhof von Agra ein. Nun, ganz so hat man sich die Ankunft in der Stadt, die mit dem Taj Mahal auftrumpfen kann, nicht vorgestellt. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der die Inder kollektiv am frühen Morgen auf den Gleisen hockend kacken, erdet den Ort doch irgendwie ganz unerwartet: Taj Mahal hin oder her – Agra ist auch nur ein Ort, in dem mit Wasser gekocht wird. Und wieder hat mich Indien kalt erwischt. Man staunt aus Schock, nicht wegen Schönheit. Immer wenn man das eine erwartet, knallt einem Indien das andere vor den Latz.

Die Sonne zieht gerade wieder einmal vom Leder und taucht die Hausfassaden in kitschig schönes Orange. Die Nacht zuvor wurde im Zug mit geöffnetem Fenster und daher auch mit geöffneten Augen verbracht. Der Fensterriegel hat geklemmt und man selbst gezittert. Wenn man es nicht den hier onminpräsenten russischen Touristen gleich getan und sich die beissende Kälte ab und zu mit einem Schluck Hochprozentigem vom Leib gehalten hätte, würde man wahrscheinlich weinen statt schmunzeln. Agra also, Taj Mahal. Dass man hier nach einem Jahr tatsächlich ankommt, macht einen bereits sentimental genug um dem Rikschafahrer ein unangemessen hohes Trinkgeld zu geben. Der widerum nimmt das natürlich zufrieden kopfwiegend an.

Mit der ersten Luft Agras in den Lungen, scannen die Augen jede Häuserschlucht und jeden Dachterassenhorizont nach dem Kunstwerk ab, für das der simple Begriff Gebäude eine Beleidigung ist. Der Taj Mahal ist die Miss Universum im weltweiten Schönheitswettbewerb der Bauwerke. Nach dem Einchecken erlöst einen dann die hoteleigene Dachterasse von der Sucherei. Man hebt den Blick von den mit Rikschas vollgestopften Strassen, vorbei an den maroden Dächern Agras, auf denen Kinder spielen und Frauen nasse Wäsche zum Trocknen aufhängen und dann ragt da dieses Bauwerk am Ende der Häuserreihe wie ein alter Baum empor – der Taj Mahal. Und irgendwie arbeiten Indien und die dortige negativrekordverdächtige Luftverschmutzung für die 1001-Nacht-Gefühlsduseligkeit. Denn in so ein Gemisch aus Smog und Nebel gehüllt, wirkt der Taj wie aus einer goldenen Flasche aufgestiegen an der man gerieben hat. Für heute ist man schon zufrieden mit dem Tag, der Welt – ein Auge auf den Taj geworfen, eine heisse Dusche, Käse-Omelett mit Chai und ein sauberes Bett nach einer schlaflosen Nacht im Zug.

Am nächsten Morgen ist man ein kleines Kind, dass an Weihnachten nachmittags aufgeregt durchs Schlüsselloch lunzt und nervös im Kinderzimmer hin und her rennt. Der Taj Mahal. – Man weiss ja inzwischen wie so eine Reise zu weltberümten Sehenswürdigkeiten enden kann. Manchmal sind weltbekannte Tempelanlagen nur noch alte Steine und Traumstrände entpuppen sich als Mülldeponien. Beim Taj Mahal war man aber nie dazu bereit, zur Schadensbegrenzung die eigene Erwartungshaltung vorsorglich tief zu stapeln. Und man hat richtig daran getan.

Denn selbst die Horden herumwuselnder Kamerabehangener Touristen tun der Märchen-Credibility des Taj Mahal keinen Abbruch. Und so läuft man mit offenem Mund um dieses in den Himmel gemalte Wunder und kann nicht aufhören, es anzustarren. Wenn man den Taj Mahal einmal im Leben gesehen hat, fängt man wohl jedes Mal wenn man davon erzählt unweigerlich an, ein bisschen Pippi in den Augen zu haben. Man hat Indien nicht wirklich gesehen, wenn man nur den Taj Mahal gesehen. Man hat es aber auch nicht wirklich gesehen, wenn man ohne eine dieses Erlebnis wieder abreist.

Neugier frisst Vernunft

Die Maha Kumbh Mela.- Das ist kein indisches Dessert, kein indischer Tanz und kene Kosename für die heiligen Kühe. Die Maha Kumbh Mela ist der Jumbo-Popkorneimer unter den religiösen Festen auf diesem Planeten. Jedes noch so grosse Musikfestival wirkt mit seinen Dixieklos und Zweimannzelten dagegen wie ein Wohnzimmerkonzertchen. Nur alle zwölf Jahre findet dieser religiöse Massenmagnet statt. An manchen Tagen pilgern dann bis zu 30 Millionen Hindus in die nordindische Stadt Allahabad. Was man sich dabei gedacht hat, dort hinzufahren? Die Antwort liegt nahe: absolut nichts.

Das Abenteuer beginnt bei der Anreise. Mit seinem Gepäck in den Zug zu kommen, grenzt an einen Lottogewinn. Die Menschen schieben und drücken, treten und quetschen so kompromisslos, dass man durchaus sein Leben in kurzen Sequenzen vor seinem inneren Auge vorbeiziehen sieht. Dieses leise theatralische Gleiten in die Bewusstlosigkeit wird aber immer wieder von der Angst und Panik gefressen, dass das hier ernsthaft gefährlich werden könnte. Ja, man kennt die Berichte aus vergangenen Jahren. Aber man ist auch neugierig und diese Neugier treibt einen manchmal an Orte, die man lieber auf der sicheren Seite der Flimmerkiste beobachten sollte.

Nach einigen Minuten ist es dann doch geschafft, man sitzt im Zug nach Allahabad. Nun, man kann es nicht sitzen nennen. Vielmehr verharrt man stundenlang in einer Position, in der man wahrscheinlich in Handgepäcktrolleys passen würde. Denn jedes Zugabteil ist an diesem Tag eine Sardinendose für Menschen. Wir sitzen vielmehr aufeinander als nebeneinander. Hier tauscht man nicht flüchtige Blicke, hier tauscht man Lebensgeschichten, mitgebrachtes Essen, Körpergerüche und leider auch Krankheiten. Die Sache muss Hand und Fuss haben, denn Englisch sprechen nur wenige Inder in diesem Abteil. Auf bis zu drei Ebenen quetschen sich Menschen auf die Sitze. Hornhäutige Füsse, bunte Saris, Reispudding in Schalen, Uringeruch in der Luft. Und dann passiert, was passieren muss: Der Zug hält mitten im Nirgendwo. Und das bleibt erstmal so. Für Minuten, die leider nicht nur gefühlt zu Stunden werden. Viele Inder schwingen ihr Gepäck auf den Kopf und machen sich zu Fuss auf den Weg nach Allahabad. Alle Touristen, meint genau uns zwei, und schwerer bepackte Inder bleiben im Zug und warten, warten, warten. Manche schlafen im Stehen, andere vertreiben sich die Zeit indem sie das Ende von kleinen Stöcken zerfransen und sich damit die Zähne putzen.

In Allahabad angekommen, wird der eigene Horizont, was die Vorstellungskraft beim Wort Menschenmassen anbelangt ins Unendliche gebogen. Menschen quetschen sich mit Kindern und Koffern vom Bahnsteig auf die schmale Treppe, die zum Ausgang führt. Heute kann sie aber auch zu Schlägen oder Quetschungen führen. Denn am Ausgang versuchen die Polizisten ihre Überforderung und die Menschenmenge mit Holzstöcken unter Kontrolle zu bekommen. Gut, dass man erst im Nachhinein erfahren hat, dass an einem Bahnausgang wie diesem, am selben Tag mehrere Menschen in Allahabad gestorben sind. Jetzt und hier gibt es kein Zurück, nur die Chance auf ein unbeschadetes Vor. Wir sind Touristen und sehen wie welche aus. Das hilft dabei, am Ende der Treppe nur mit neugierigen Blicken statt mit Stöcken begrüsst zu werden. Man steigt über Berge von zur Seite gekehrten, verloren gegangenen Schuhen und bleibt an der ersten Ecke stehen, in der nicht gefühlte 500 fremde Arme die eigenen berühren. Atmen. – Und man denkt: Schön, dass man das noch kann.
Das nächste, was einem der Körper befielt, ist der direkte Weg über Los zum Hotel. Eine Rikscha trägt uns weg vom chaotischen Menschenmikado. Der Lärm wird dumpf, die Ohren suhlen sich in der plötzlichen Stille wie Säue im Schlamm.

Der Abend verbeisst sich in Fragen wie ein Dackel in Waden: Was zum Teufel treibt man hier? Und kann es sein, dass man hier gerade sein Leben irrtümlich riskiert hat? Die Antwort darauf, was all die anderen hier treiben und vor allem warum, ist einfach. Bei der Anreise nehmen sie den Tod im Diesseits in Kauf. Ihre Absichten sich langfristiger angelegt. Denn für sie bietet dieses Wallfahrtsfest die Chance auf Unsterblichkeit.
Aber man selbst? Man wollte eigentlich „nur mal gucken“, weil die Chancen, so etwas einmal im Leben zu sehen irgendwo zwischen unwahrscheinlich und utopisch liegen. Und das Reisen ernährt sich doch von sowas. Man ist hungrig. Immernoch. Die sichere Höhle Hotelzimmer macht einen über Nacht wieder neugierig.

Am Morgen poltert uns die Fahrrad-Rikscha in Richtung Kumbh Mela. Allahabad platzt aus allen Nähten. Wenn man genau hinhört kann man diese Nähte sogar platzen hören. Obst- und Gemüsehändler pressen sich vorbei an den zahllosen Rikschas, die sich pausenlos hupend ihren Weg durch die holprigen Strassen bahnen. Am Busbahnhof stapeln sich die Reisebusse. Und noch immer erreichen weitere Busse im Minutentakt den Wallfahrtsort für alle Hindus in Indien. Und jedesmal steigen weit mehr Menschen aus den Bussen, als dieser Sitzplätze besitzt. Die Sonne beginnt die bröckelnden Hausfassaden in glühendes Orange hüllen und die mit Staub und Dreck geschwängerte Luft langsam zu erwärmen. Wenn man sich hier die Nase putzt, ist das Taschentuch schwarz. An die Farbe der Lunge mag man nicht denken.

Die Strasse zur Kumbh wird zum Spiegel Indiens. Tausende Menschen bahnen sich ihren Weg Richtung Unsterblichkeit. Jene, die es sich leisten können, hüllen ihre Körper in traditionelle religiöse Kleidung, die Frauen tragen ihre buntesten Saris. Männer reiten auf dürren Eseln und Pferden Richtung Unsterblichkeit. Andere balancieren auf ihren Köpfen Gepäck. Blinde werden von Fremden helfend an die Hand genommen, Alte, deren Rücken von einem harten Leben voller Entbehrungen gezeichnet und gekrümmt ist, schleppen sich mit letzten Kräften zum Wasser und Menschen ohne Beine kriechen in der Menschenmenge langsam aber unbeirrbar voran. Ab und zu teilt ein Auto die Masse in zwei Hälften. Unmittelbar danach schliesst sich die Lücke wieder und die Menschenmenge wird wieder zur Einheit.

Während wir das alles sehen, meinen wir zu verstehen, aber natürlich haben wir nicht die leiseste Ahnung. Die meisten Menschen hier haben nichts, ausser ihren Glauben und in diesem Moment gehören sie damit zu den Reichsten hier. An den heiligen Flüssen angekommen, beginnt die Masse mit dem Bad in genau dem Wasser, das man selbst nur aus Berichten über Abwässer und Seebestattungen kennt. Heilig soll es sein, das Wasser. Die Menschen baden darin, Kinder spielen darin, Männer trinken davon, Frauen füllen sich die vermeintliche Unsterblichkeit literweise in Flaschen ab. Man hadert. Aber wo man schonmal hier ist, ohnehin seit einem Jahr regelmässig gesegnet mit kleineren und grösseren Magenproblemen, dippt man die Füsse ins Wasser. Tausche Gesundheit gegen womögliche Unsterblichkeit. Deal.
Und was am Ende bleibt: keine Krankheit trotz Bad im Ganges und eine unglaubliche Geschichte, die sich im Kopf festgesetzt hat, wie der Staub Allahabads in den Atemwegen.

Leben, jetzt! – Ein Jahr auf Reisen

Seit einem Jahr wird nun schon rumgereist, sich rumgetrieben im wohl besten denkbaren Sinne. Und dieses Jahr hatte sogar 366 Tage. Und da fliesst was in den Adern, dass da vorher nicht war. Die Lungen atmen was, was sie vorher nicht kannten. Der Mund summt eine Melodie, die vorher fremd war. Und das Herz schlägt in einem Rhythmus, den es vorher nicht kannte.

Reisen füttert die Sinne wie eine reiche Tante dicke Kinder mit Kuchen. Und man wird nie so richtig satt. Nicht dauerhaft. Ab und zu ein paar Fastentage. – Zurückziehen im Hotel, Fernsehen, Fast Food, aus der Welt fallen. Und nie hat man die Entscheidung bereut, die Einbauküche gegen Reisebesteck einzutauschen.
Die Reise hat mich bisher durch alle Kontinente geweht, in 17 Ländern stranden lassen und 8 Mal über den Äquator springen lassen. Und das alles ist immernoch nichts im Vergleich zu der Reise, die der Kopf bei einem solchen Abenteuer unternimmt.

Aber ja, alles hat seinen Preis. Man verpasst Hochzeiten, Geburtstage und sogar Geburten, bei denen man hätte im Lande sein wollen. Man sieht bedeutende Menschen in Pixeln, nicht in Echt. Aber ja, man glaubt daran, dass das die Sache wert ist. Denn wenn es einen irgendwann in die Heimat spühlt, wird man glücklicher sein und vielleicht sogar ein besserer Mensch. Vielleicht kann man dann aber auch nur Familie und Freunde mit manifestierten Flausen und Harter-Tobak-Geschichten an warmen Sommertagen bei Wein und Käseigel unterhalten und zum Schmunzeln bringen.
Diese Reise ist nun ein Jahr alt. Feiern, jetzt! Leben, jetzt!

India – Die Hand auf der Herdplatte

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Indien. Die Hand auf der Herdplatte, der 10-Meter-Turm im Schwimmbad, der Rock-Olymp für den Backpacker. Indien ist Kopf oder Zahl. Man trifft selten Menschen, die dieses Land bereist haben und beim Erzählen davon gelangweilt am Tischdeckenbeschwererobst puhlen.

Indien fühlt sich erst einmal wie ein Kampf an. Kampf gegen ein Heer von Bettwanzen in Nachtbus, Kampf für den Magen, denn im Wesentlichen haben 90 Prozent der Lebensmittel hier die Blütezeit ihrer offiziellen Haltbarkeit seit mehreren Monaten hinter sich. Indien ist vor allem aber ein Kampf mit sich selbst und der im bisherigen Leben erworbenen Bequemlichkeit und Gewöhnung an ein Grundmass an Ordnung. Indien zerschlägt all das wie eine Abrissbirne in Kleinteile oder direkt zu Schutt und Asche.
Und irgendwann kommt man an den Punkt an dem man das Land mit wehenden Fahnen, tiefem erleichteren Einatmen verlässt. Oder aber: man bleibt und springt ins Chaos. Wenn man aufhört dagegen anzuschwimmen, treibt einen Indien wie Strandgut vorbei an Plätze, die einen die Augen mit Tränen und die Taschen mit Bergen von Erfahrung füllen.

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Indien, das ist Aufspringen auf fahrende Nachtbusse und Abspringen von rollenden Zügen, inklusive Fall auf den Bahnsteig. Indien bedeutet vor allem auch selbst zur Sehenswürdigkeit zu werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind auf den Kameras indischer Männer mehr Fotos von einem selbst als auf der eigenen. Und man kann es versuchen, aber übel nehmen, kann man den Indern wenig. Spätestens wenn sie beim Feilschen nach zehn Minuten Debattieren über „Good Luck“ kapitulieren und sich mit diesem atemberaubenden, herzerwärmenden Kopfwiegen mit dem Preis einverstanden erklären, möchte man sie gern auf einen Chai einladen und sogar mehr als vereinbart bezahlen.

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Indien lädt einen gern auf Butter Chicken und Roti ein, aber die Regeln macht der Gastgeber. Indien tut den Teufel und richtet sich auf Touristen ein. Sobald man in einem kleinen Dorf aufschlägt, wird die Suche nach Geldautomaten, Gehwegen, Wasser, Kaffee und für den europäischen Mimosenmagen verträgliches Essen zur Tagesaufgabe. Doch Indien tut gut daran. Ich: Gast hier. Ich gehöre hier nicht hin. Ich darf hier nur mal reinschnuppern. Indien ist Original, keine backpackereske Lonely Planet Pampers, die sicherstellt, dass nichts daneben geht.

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Indien ist ein Land, es ist aber vor allem eine andere Welt. Wenn man alle Lasten, die die Gewöhnung an Bequemlichkeit mit sich bringt abwirft, wird der Türschlitz Indien dann immer grösser. Man kommt an Orte wie Munnar, die einen erstmal nur wegen der Temperaturunterschiede bei der Ankunft nachts Gänse auf die Haut treiben. Recherche macht klug. Und Flip Flops noch keinen Sommer. Und dann am nächsten Morgen findet man sich wieder auf Märkten voller Gewürze, die der Nase Flügel verleihen. Und die Landschaft aus Teeplantagen und Bergen straft die herkömmliche Farbpalette Lügen.
Der Nachtzug nach Goa schenkt einem dann neben einer ausgewachsenen Erkältung und Schlafmangel auch Geschichten, die einem selbst keine noch so gute Doku bieten kann. Vor allem aber beginnt man den Menschen hier näher zu kommen. Manchmal auch näher als einem lieb ist. Aber Augen, Füsse, Nase und Herz gewöhnen sich an alles. Zwei Schwestern und ihre Nichte fahren nach Mumbai zu einer Familienhochzeit und haben Verpflegung für drei Wochen und gefühlte 300 Mäuler dabei, unsere inklusive. Wer nicht schläft, bekommt selbstgemachte Kartoffelchips, Zwiebelringe, Bananenchips, heisses Wasser und Milchreiskuchen angeboten. Und immer läuft es gleich ab: freunliches Ablehnen, sie bestehen aber darauf, denn man hat sie vorher auf einen Chai eingeladen, man greift also bescheiden zwei Stücke heraus, woraufhin einem freundlich aber bestimmt die gesamte Hand mit dem Essen vollgeladen wird. Wenn man Glück hat, schmeckt es, wenn nicht, lächelt man mutig, versucht sich im indischen Kopfwiegen und konzentriert sich darauf, ein Stück nach dem anderen in Richtung Magen zu lotsen. Wer schläft, kann einen der Gänge nur verzögern, nicht aber umgehen. Denn sobald ein Auge geöffnet ist, bekommt man das verpasste Essen umgehend auf die Hand geladen. Das ist Indien. Das macht die Liebe aus.

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Angekommen in Goa dehnt sich die Zeit wie guter Kaugummi. Wenn man es nicht besser wüsste, man könnte vermuten, die Menschen laufen nicht nur langsam sondern rückwärts. Und man selbst befindet sich umgehend in diesem Modus. 50 Meter zum Strand werden zum Tagesausflug und die Luft ist geschwängert mit rotem Staub, Kuhmist, Grasgeruch und dem Glauben an den Zen. Wenn man hier nicht gerade die erste Yogastunde nimmt, die phantastischen Flohmärkte leerkauft oder wegen besagtem Mimosenmagen mit Fieber im Bett liegt, macht man in erster Linie Nichts. Und das ist grosses Kino. Denn jeder macht hier nichts. Und das ist hier eine Menge.

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Wenn man dann ins kochende Mumbai fällt, wird das Hotelzimmer zur Insel. Sobald man aber auf der Strasse steht, brennen die Sicherungen durch. Der Strassenverkehr, das ewige Feilschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen. Und nachdem der Magen erst sehr verliebt in die Namen von Gerichten wie Tikka Masala, Naan und Dosa war, zieht einen der Überlebenswille nach zahllosen Magenkrämpfen erstmal zu Fast Food Ketten, die an Orten wie diesen und in Momenten wie diesen von der Mageninnenwand vergöttert werden. Der Körper ist geschwächt. Der Magen wird Kompass.

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Und die Klamotten, vollgesaugt mit Staub und Gerüchen von Müll, Urin und Nachtbussen, wollen gewaschen werden. In Mumbai passiert das in der grössten Laundry der Welt. Mehr als 1 Million Teile werden hier täglich in Betonwannen per Hand gereinigt. Und wenn man einmal die über Jahrzehnte bei dieser Arbeit aufgeweichten Füsse des 75-Jährigen Arbeiters gesehen hat, stellt sich nicht die Frage ob ein Jahreslohn von rund 650Euro angemessen ist.

Indien tut weh und Indien schlägt einen ins Gesicht. Indien ist die Hand auf der Herdplatte – Man kann sich die Finger hier mächtig verbrennen, aber in jedem Fall lernt man dabei Dinge, die einen kein anderes Land lehrt. Und wenn man sich darin übt, nicht nur zu sehen sondern auch zu erkennen, schenkt Indien einem dieses entwaffnende Kopfwiegen und diese Geschichten, die einen beten lassen, jedes Detail bis zum letzten Tag nicht zu vergessen.

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Farbfilm best of worldtrip:

Farbfilm Indien:

India from quadratur der reise on Vimeo.

Farbfilm Kambodscha/Singapur:

singapore and cambodia from quadratur der reise on Vimeo.

Farbfilm Vietnam:

vietnam from quadratur der reise on Vimeo.

Farbfilm Thailand:

thailand from quadratur der reise on Vimeo.

Farbfilm Indonesia:

Farbfilm Australia:

Farbfilm New Zealand:

Farbfilm Cook Islands:

Farbfilm USA:

Farbfilm Mexico:

Farbfilm Tulum Energy:

Farbfilm 100 Tage Rumreiserei:

Farbfilm Bolivien und Peru:

Farbfilm Bolivia – Saltflats:

Farbfilm Argentinien:

Farbfilm Brasilien:

Farbfilm Dubai:

Farbfilm Südafrika:

Impfausflug Vol. I

impfplan

Die Ärztin ist mit ihren Augen den Zettel einmal von oben nach unten abgefahren und hat es am Ende grinsend mit den Worten „Also einmal alles, ja?“ ganz gut zusammengefasst. Auf meiner Liste standen die geplanten Länder, in die ich reisen will. Und auf ihrer Liste standen all die möglichen Impfungen. Und als sie ein Kreuz nach dem anderen machte, schwebte da schnell diese Kostenfrage im Raum. Nach einem „Welche Krankenkasse haben Sie denn zu bieten?“, einem „- Dräger und Hanse BKK“ gepaart mit einem ‘Mein Haus, mein Auto, meine Yacht’-Pokerface und einem Blick in den Computer war klar, dass ich in dieser Sache quasi den Jackpot geknackt habe. Zitat: „Die übernehmen sogar die Japanische Enzephalitis und die Malariaprophylaxe.“

Die ersten zwei Impfungen gab es direkt heute, der große Rest folgt bei mehreren Terminen Ende des Jahres. Die meisten Impfungen fallen für Südamerika und Asien an. Zusammengefasst bin ich am Ende quasi unkaputtbar was Hepatitis A+B, Tollwut, Gelbfieber, Typhus und die Japanische Enzephalitis angeht. Eine Impfung gegen Heimweh war nicht vorrätig.
Aber nun ja: „Ein Schiff ist im Hafen sicher, dafür wurde es aber nicht gebaut.“