Das Paradies und das Kleingedruckte

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Liebe Menschen, ich habe das Paradies gefunden. Seit ich diese Reise angetreten habe, beschleicht mich der Verdacht, es gibt sogar mehrere davon. Aber Puerto Escondido ist definitiv eines davon.
In diesem Ort habe ich Dinge gesehen, die so selten, unvergesslich und besonders sind, dass meine Mundwinkel an die Ohren getackert scheinen. In nur einer Woche hat sich so viel Gutes mit Edding an meine Hirnrinde geschrieben, dass es vor lauter Ungläubigkeit durchnummeriert werden muss:

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1. Sieben Uhr morgens aufzustehen, ist leicht in Puerto Escondido – besonders wenn man eine halbe Stunde später im Holzboot sitzt und aufs Meer rausfährt. Eine halbe Stunde fahren wir die Küste entlang, sehen die Wellen auf die Surfer und die Küste zurollen und dann: gelbgrüne Flecken auf dem Meer. Wir fahren näher heran und da sind sie dann – mindestens so großartig wie im Trickfilm: Meeresschildkröten. Schräg schielen sie aus dem Wasser heraus oder hocken gerade aufeinander während der Nachwuchsproduktion. Diese Tiere mitten im Ozean zu sehen, ist so ungewöhnlich, dass man sich immer wieder ungläubig beim Kameramonitor rückversichert. Und als wäre das nicht genug für einen phantastischen Tag, ragt unerwartet unmittelbar vor unserem Boot eine graue Finne aus dem Wasser, dann eine zweite. Umgeben von Delphinen fahren wir die Küste entlang. Und alles ist so surreal, dass ich auf die Flipper-Musik warte.

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2. In Puerto Escondido gibt es einen Strand, an dem die Schildkröten ihre Eier verbuddeln. Sind die Schildkröten geschlüpft, ist der Weg zum Wasser lang genug um vom Vögeln gefressen zu werden. In Puerto Escondido werden daher die Eier eingesammelt. Sind die Babies geschlüpft, (und davon gibt es pro Pärchen etwa 1.000) werden sie innerhalb von zwei Wochen unmittelbar in Wassernähe wieder ausgesetzt. An einem Abend hieß es also: Händewaschen und Schildkrötenbabies ans Wasser tragen. Und dann: zusehen, wie sie die letzten Meter selbst zurücklegen. Das machen sie dann auch direkt bis sie die Welle erfasst und sie, wenn sie Pech haben wieder zehn Meter weiter hinten landen. Das Ganze findet am wahrscheinlich schönsten langen Sandstrand des Ortes statt. Die Sonne ist ein Mädchen und malt den Himmel pink an während die Wellen im Vordergrund die Ohren mit dem Rauschen füttern, von dem man wohl nie wirklich satt wird.

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3. Eigentlich sollte das erste Mal in Südafrika stattfinden. Ich hab immer schüchtern und beeindruckt gelunst wenn andere es getan haben. Am Ende aber habe ich mein Geld lieber im Township gelassen. Nun in Mexiko war es soweit: Ich habe Surfstunden genommen. Und es ist genauso wahnsinnig, anstrengend und großartig wie erwartet. Schon bei der ersten Welle habe ich gestanden und der einzige Haken ist das elende Zurückpaddeln über die Wellen hinweg. Und Abends liegt man, in Gedanken auf dem Brett stehend, und mit Schmerzen in jedem Muskel zufrieden im Bett.

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4. Im Mexiko isst man Tacos und in Puerto Escondido gibt es Fisch satt. Die perfekte Hochzeit für den Magen sind also: Fisch-Tacos. Hier gibt es einen Laden, der so einfache wie perfekte Fisch-Tacos macht, dass man sie nicht einmal lang genug für ein Foto auf dem Teller lassen konnte und dass der Magen einen wie ein Magnet im Ort halten will. Und die Schilddrüsenunterfunktion macht Luftsprünge – so glücklich ist sie hier.

5. Ihr kennt mich allmählich – Alles soll in möglichst jeder Form festgehalten und konserviert werden, damit ihr keinen Zweifel daran habt, Teil dieser Reise zu sein. Denn das seid ihr für mich. Diese Geschichte jetzt setzt aber auf eure Phantasie, denn Bilder gibt es nicht – nur Worte. Und das macht die Sache sogar irgendwie legendärer. Vor einigen Tagen meinte der phantastische Jessy von der Hostelbar, sein Freund könne uns nachts zur Lagune fahren, denn in diesen Tagen könnte man dort in einem Phänomen schwimmen, das diese Lagune nur ein oder zweimal im Jahr ereilt, und das nur für ein paar Tage. Es war also Nacht und zwischen den Bergen hat ein Gewitter gegrollt. Und die Deutsche in mir so: „Hey, Gewitter – Baden? – Nee!“ Und die Reisesiolita so: „Na aber so was von!“ Wir fahren also mit 13 Leuten in einem Holzboot auf der Lagune umher und alle sind aufgeregt, denn das, was uns da versprochen wurde, schmettert die Vorstellungskraft als unmöglich ab. Und dann ist es so weit: Plötzlich beginnt das Wasser, das wir mit den Händen vom Boot aus bei der Fahrt berühren neongrün zu leuchten und hunderte Fische ziehen leuchtende Schweife durchs Wasser. Dann springen alle in die Lagune und das Wunder beginnt. Jede Bewegung, die man beim Schwimmen macht, bewirkt ein Leuchten des Wassers, Tropfen springen wie Leuchtperlen auf die Wasseroberfläche. Für 40 Minuten verwandeln sich alle in Kleinkinder die nach 15 Minuten Quängeln an der Supermarktkasse ihren Schokoriegel bekommen haben. Wir fühlen uns mit jeder Bewegung wie Superhelden. Es scheint, wir produzieren flüssiges Kryptonit, dass wenige Sekunden später wieder verschwindet. Als wir mit einer Überdosis Endorphin ins Boot zurückklettern, schnattern alle wie im Grundschulklassenfahrtsbus. Einen Namen hat dieses Phänomen natürlich auch: Meeresleuchten. Das Meer spühlt, unvorhersagbar wann, bestimmte Algen in hoher Konzentration in die Lagune. Und diese reagieren auf jede Bewegung mit einem Leuchten. Sobald die Konzentration nach wenigen Tagen abnimmt, ist der Zauber vorbei. Diese Nacht war historisch. Wenn man allein und ohne durchchoregrafierten Plan reist, fühlt man sich beseelt, wenn es nur der Zufall ist, der einen zur richtigen Zeit an den Ort eines solchen Phänomens spült.

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Puerto Escondido ist also ein Ort der nicht vergessen wird. Aber kein Paradies ohne Kleingedrucktes: In diesen Tagen habe ich mehr zum imposanten Bluterguss heranwachene Mückenstiche und Bedbugsbisse bekommen als zuvor auf der gesamten Reise. Nachts war Schlaf also rar und meine gesamte Hautoberfläche ist wie ein Baumkuchen mit Schichten von Insektenschutzspray bedeckt. Aber wie gesagt: dafür sind die Mundwinkel fortan an die Ohren getackert, wenn man an Puerto Escondido denkt.

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6 Gedanken zu „Das Paradies und das Kleingedruckte“

  1. Paradiese… jaja davon fand ich auch viele auf meiner Reise!
    Es geht doch nichts über diese sorglose Zeit als Reisender, wo jeder Tag ein neues Abenteuer ist und von Neuem entdeckt werden will!

    Und auf keinen Fall das Surfen aufgeben. Es gibt kein besseres Gefühl, als von der Natur angetrieben Richtung Strand geschoben zu werden 😉 Oh wie ich das Surfen vermisse…

    Viel Spaß noch und jeden Augenblick genießen bitte!

  2. Habe es vor nicht allzulanger Zeit selbst erfahren. Kann nur bestätigen was in diesen Bericht steht.
    Einfach unvergessliche Erlebnisse an disen wunderschönen Ort.

  3. Du hast es also getan!! Ja, surfen ist einfach grandios und hinterher weiß man, wie sich so ne kleine Schildkröte fühlt…wirst bestimmt noch jede Menge Gelegenheiten dazu bekommen.
    Meeresleuchten ist einfach nur faszinierend, wenn man mit jeder Bewegung eine Explosion an leuchten erschafft…

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