Kopf wirft Handtuch

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Die Nächte während der Tour sind kalt, aber man friert nicht. Das mag an den drei Decken, dem Schlafsack und Funktionsunterhosen liegen. Ich will aber glauben, dass es vor allem daran liegt, dass das Herz glüht während dieser Tage. Selbst die Tatsache, dass die Unterkünfte während der Tour stolze zwei Toiletten für geschätzte 30 Personen umfassen, von denen ein Klo spätestens 7Uhr morgens unter keinen Umständen mehr nutzbar ist, stört mich wenig. Dies hier ist das Paradies und nichts kann mich glauben machen, dass es nicht perfekt wäre, so wie es ist. Ich brauche nicht einmal viel Schlaf. Ich will ihn nicht brauchen.

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Morgens stehe ich als erste auf und die Hummeln der Vorfreude im Hintern bekommen jeden Tag noch mehr Nachwuchs. Ich kümmere mich um die anderen um möglichst schnell rauszukommen, ins Paradies, in die Landschaft, von der ich nicht geglaubt hab, dass es sie tatsächlich noch gibt. Ich wecke die anderen ungeduldig, schmiere ihnen die Brote, packe ihre Taschen, hiefe sie auf den Jeep damit alles schneller geht. Ich nähe sogar ihre Mützen und Strickjacken. Ich bin selig. Und das in 5.000m Höhe.

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Als wir endlich losfahren, wird mein Erinnerungsvermögen entwaffnet. Es ist tatsächlich so unbegreiflich schön. Und der gesamte Tag liegt vor mir und meinen Augen, die sich nicht satt sehen können. Ihnen bleibt nichts anderes übrig als diese Salzlandschaft mit Salz im Augenwinkel zu quittieren. In der Landschaft, deren Weite jeden Bilderrahmen sprengt, wachsen Pflanzen wie moosgrüne Rasierpinsel aus der roten Erde. Lamas mit bunten Wimpeln an den Ohren schauen uns neugierig nach, Esel zeigen uns bockig ihre Kehrseite. Und im Hintergrund erheben sich kastanienbraune Berge, die wie Bettlaken in Falten gelegt sind. Ich sehe Lagunen, die derart türkis leuchten, dass Photoshop kapituliert. Ich stehe vor Lagunen, die in so tiefes Orange getaucht sind, dass mein Gehirn vom Farbpalettenglauben abfällt.

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Für Tage, die man ohne Familie und Freunde nur auf sich zurückgeworfen ist, ist dies die beste Zeit meines Lebens. Mit jeden Tag dieser Tour gelangt man mehr an seinen Kern. Die Landschaft streift nach und nach alle Schichten von einem ab, die man sich im Alltag zugelegt hat, die man aber keinesfalls zum Leben und Erkennen braucht. Und am Ende bleibt einem wie bei einer geschälten Zwiebel nur noch das flüssige Salz auf der Wange. Ich bin entwaffnet. Hier ist die Melancholie Königin. Und ich wehre mich nicht. Der Mensch wird nie auch nur ansatzweise so perfekt sein wie die Natur. Überfordert schwöre ich, nie wieder Kaugummipapier auf den Boden zu werfen, ich will nur noch Elektroautos fahren, nie wieder FCKW in die Luft sprühen. Ich bin naiv. Alles, was ich tun kann, ist zu versuchen, diese Erfahrung so gut wie möglich zu teilen. Ich beschließe dafür das Herz offen auf das Blogtablett zu legen. Ich sehe kein Risiko darin. Man kann nicht verlieren, wenn man diesen Ort gesehen hat und ungefiltert davon erzählt. Die Natur hat mit ihrer Schönheit vom Leder gezogen und ich mache es ihr nach.

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Bisher hat der Kopf immer gewarnt, dass man sich reich auf diese Reise begeben wird und arm zurückkehren wird. Das Herz hat immer daran geglaubt, dass es genau umgekehrt sein wird. – Nun hat der Kopf das Handtuch geworfen.
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8 Gedanken zu „Kopf wirft Handtuch“

  1. Tut gut zu lesen, wie gut dir die Reise tut. Ich hoffe, du kannst diese Energie und Demut in Stückchen teilen und für den Rest des Lebens ein bisschen was davon in der Jackentasche bewahren. Wie schön das klingt. Ich freu mich sehr für dich und denk an dich.

  2. Schön geschrieben. Dein Blog gefällt mir. Und der Altiplano sowieso. War selbst vor ein paar Wochen auf der chilenischen Seite unterwegs und total verzückt von der Weite und Stille. Die Farben da oben sind unschlagbar. Ich wünsch dir einen ähnlich lyrischen Abstieg von den 5000 Metern – solange das Herz oben bleibt 😉

    LG Claudi

    1. So siehts aus! Phantastisch. Hab auch gar kein Photoshop dabei. Video folgt, wenn La Paz sich mal gnädig zeigt und mir zwei Stunden schnelles Internet schenkt zum Hochladen. Wie sieht’s aus in Hamburg? Liebe Grüße

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