Loslassen Lernen

hamsterrad

Er springt ins Rad und läuft und rennt und hetzt mit Schweißperlen auf der Nase. Das tut er ohne sich vom Fleck zu bewegen. Er legt Vorräte an und hortet alles, was er vielleicht noch einmal brauchen könnte oder von dem er glaubt, dass es ihn ausmacht. – Ich bin ein Hamster. Altersvorsorge, Familienpackung Cornflakes, Bausparvertrag, alte Klamotten, Schulhefte, Spiegel-Ausgaben von 2003, Postkartensammlung, Uniordner.

Besitz wird Ballast

Ich plane ein Nomadenleben. Alles, was ich brauche, wird in einen Rucksack passen (müssen). Es wird keinen Kühlschrank geben, in dem Lebensmittel für die nächste Woche gelagert werden. Es wird keinen Kleiderschrank geben, der mir täglich Klamotten in allen Farbnuancen anbietet. Da wird mir kein peruanischer Markthändler begegnen, der mich nach dem Spiegel-Titel der Ausgabe 17/2004 fragt. Und es wird mich wohl auch kein Hostelbesitzer in Indonesien danach fragen, welches Seminar ich im 7. Semester belegt habe.

Kopf oder Karton

Mit Holzsplitter im Finger und dem Vorsatz konsequent zu entrümpeln, wird die Kellertür aufgeschlossen. Wat fott es, es fott. Staub, ein Weberknecht, Wasserflecken wellen die Kartons. Am Anfang: ein bisschen Wehmut. Da steck ich doch irgendwie drin. Ein kleiner Abschied, vom „Wie wurde was ist“, von Sicherheit und alten Prioritäten. Dann irgendwann kommt der „Wenn ich schon mal dabei bin“-Flash. Plötzlich ist alles irgendwie verzichtbar, überflüssig, nutzlos. Ich brauche nichts davon, um zu wissen wer ich bin, woher ich komme, was ich kann.
Am Ende glänzen doch wieder Schweißperlen auf der Nase. Ich bin leichter und erleichtert: Ich bin noch da, auch ohne all das Gedöns. Nur eine Kiste bleibt. Und alles andere, was in Kartons konserviert wurde, wird weiterhin im Kopf bleiben, wenn es wirklich was bedeutet. Ich wollte nie Gegenstände aufheben, sondern die Momente. Aha, das geht also auch so. Beruhigend zu wissen. Die Hamsterkäfigtür steht offen.

2 Gedanken zu „Loslassen Lernen“

  1. Genauso ist es. Ein unheimlich befreiendes Gefühl. Und wenn du unterwegs bist mit deinem Rucksack, dann merkst du erst wie wenig DINGE du wirklich brauchst um glücklich zu sein.

    „The things you own, they end up owning you.“ (Tyler Durden, Fight Club)

  2. Ja, das Gute daran ist, dass man dadurch auf sich zurückfällt und lernt zu unterscheiden, was man zum Leben braucht und was nicht. Guter Satz.

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