Maßstabhochsprung

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„Der weiteste Weg, den der Mensch zurücklegen muss, sind die 20 Zentimeter vom Kopf zum Herzen.“

Zwei Wochen Garden Route, über Sedgefield, Plettenberg Bay, Jeffrey’s Bay und Port Elisabeth, liegen hinter mir. Und zurück im merk-würdigen Kapstadt, setzen sich alle Eindrücke wie Muscheln im Wasserglas. Dank König Zufall hat man wieder Menschen gestreift, die an der Seele wie Sand an Sonnencreme kleben bleiben.

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In einem Township stand ich in einer Kirche, die man in Deutschland zwischen heruntergekommener Gartenlaube und Bruchbude einordnen würde. Und der Raum, nicht größer als 30qm, war vollgestopft mit dem tiefen Glauben von etwa 40 Townshipbewohnern und deren Kindern. Diese Menschen haben nichts, außer ihrer Religiosität und einen kaputten Ventilator, der nicht im geringsten verhindert hat, dass alle im Raum während des Gottesdienstes Schweiß wie ein Wasserfall vergossen haben. Und sie waren so wahnsinnig aufgeschlossen für alle, die wie aus einer anderen Welt kamen, dass einem gleich mehrere Klöße in den Hals gewandert sind.

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In einem anderen Township in Grabouw nahe Kapstadt wurde gestern gestreikt. Quer über das Township verteilt, haben die Bewohner Brände gelegt. Die Menschen vor Ort sagen, sie wollen auf die schlechten Zustände in den Schulen und Kindergärten aufmerksam machen. Die Zeitung sagt heute, es ginge um Rassismus. Flo, ein Architekturstudent aus Stuttgart, arbeitet dort im „Village of Hope“ und hilft, ein Haus für Helfer und ein Dach für eine Townshipschule in einem Schiffscontainer zu bauen. Denn bisher heizt sich die Luft im Containerinneren im Sommer auf bis zu 50 Grad auf. Finanziert wird das Ganze durch Spenden aus Deutschland. Wenn man im „Village of Hope“ zwischen Kindern steht, deren Hände so viel kleiner als die eigenen sind, aber deren Schicksal so unmessbar schwerer ist als das eigene, wird man demütig.

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Und im Kopf beginnt eine Murmel an die nächste zu peitschen. Die eigenen Sorgen fühlen sich plötzlich mehr als dekadent an. Ich mache mir Sorgen um Sicherheit, im Township machen sie sich Sorgen um Nahrung zum Überleben. Man weiß das alles, wusste es schon immer. Aber diese Nähe zu den Kontrasten lässt einen die Dinge hinterfragen, neu gewichten und bewerten. Mein Leben ist ein gutes, ein phantastisches; ein utopisches für die Menschen im Township. Es geht nicht darum, den eigenen Garten, die eigenen tragenden Wände, die eigene Treppe zur Haustür aus Solidarität komplett abzureißen. Es geht vielleicht einfach nur darum, das Gemüse aus dem Garten häufiger zu teilen, mehr Draußen durchs Fenster reinstrahlen zu lassen und die drei Sicherheitsschlösser an der Tür zu entfernen.
Dieses Land ist ein großartiges. Und es liest einem gehörig die Leviten.

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7 Gedanken zu „Maßstabhochsprung“

  1. … kein Pauschalurlaub, sondern das pure Leben. Intensive Gedanken, tolle Fotos! Bin neugierig auf die nächste Story! Viele liebe Grüße

  2. Danke mal wieder für die schönen Bilder und dafür, dass du Gedanken auf eine Art in Worte fassen kannst, für die mir das Talent fehlt 🙂
    Die kurzen Momente, die man zwischen Menschen verbringt, deren Probleme so weit weg von den unseren sind, sind genau die, die einen das eigene Leben und dessen Privilegien neu einordnen lassen.

  3. @anna k: die nächste story kommt bestimmt.
    @timbo: mach ich und bin ich! liebe grüße zurück, an die ganze sippe
    @steffen: dankeschön. damit werd ich auch nicht aufhören, versprochen!
    @thomass: dankeschön! grüß mir den kopf!

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